Studien zur Anthroposophie

Michael Muschalle


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Michael Muschalle  

Forschungsprojekte zur Weltanschauung Rudolf Steiners

Stand: 22.01.09

Hier finden Sie Themen zu Forschungsvorhaben, die nach meiner Einschätzung hilfreich sein können zum Verständnis der Weltanschauung Steiners. Und die sich auch realistisch bewältigen lassen. Die Themenliste wird fortlaufend erweitert und inhaltlich ergänzt werden.

Einführung

Wer Peter Bieris Einführungskapitel zu dem von ihm herausgegebenen Samelband (Peter Bieri, Analytische Philosophie des Geistes, 3 Weinheim 1991, S. 1-28) studiert, der könnte auf Anhieb gleich dutzendfach Problemstellungen aus diesem Text herausfiltern, die zum Thema einer wissenschaftlichen Abhandlung oder eines größeren Projektes gemacht werden können, in dessen Zentrum die Weltanschauung Rudolf Steiners steht. Denn die von Bieri dort erörterten Fragestellungen sind ausnahmslos auch zentral für das Verständnis Rudolf Steiners. Und man kann eigentlich Steiner heute nur dann erfolgreich an die philosophisch-wissenschaftliche Forschungstradition anbinden, wenn man versteht, in welcher Weise er auf die von Bieri aufgeworfenen Fragen Antworten zu geben vermag. Damit sind natürlich längst nicht alle Fragestellungen eingekreist, sich sich aus Steiners Weltanschauung ergeben. Aber ich möchte sagen doch einige von sehr grundlegender Bedeutung. Obwohl ich mich hier nicht an Bieris Aufzählung orientieren werde, möchte ich dem Leser dessen Gedanken sehr ans Herz legen. Schon deswegen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was in der Gegenwart gedanklich vorgeht, und wo eventuell Schwerpunkte einer Forschungsarbeit liegen könnten. So sei denn dem interessierten Leser vorab empfohlen, sich einmal propädeutisch Bieris Einführungskapitel vorzunehmen, und sich dabei zu überlegen, welche Antworten wohl Steiner auf die von Bieri aufgeworfenen Fragen gegeben hat, und wie Steiner dies alles im einzelnen begründet.

Die nachfolgende Auflistung von Projektvorschlägen folgt keiner irgendwie zugrunde gelegten Systematik, sondern ist eher individualgeschichtlich herausgewachsen aus meiner eigenen langjährigen Beschäftigung mit dem Thema. Im Laufe dieser Jahre wurden zunehmend dringend klärungsbedürftige Fragestellungen sichtbar, die nicht nur für das Selbstverständnis der Anthroposophen von Bedeutung sind, sondern meiner Meinung nach auch für die geistesgeschichtliche Akzeptanz der Steinerschen Gedankenbildung im kulturellen Umfeld der Gegenwart. Diese nachfolgende Liste wird im Laufe der Zeit immer weiter anwachsen, schon deswegen auch ist es nicht möglich und zweckmäßig ihr von vornherein ein systematische Form zu geben. Das wird zu späterer Zeit vielleicht einmal nachgeholt werden, aber im Augenblick möchte ich davon noch Abstand nehmen, sondern nur ganz pragmatisch eine Reihe von Themenvorschlägen unterbreiten. Federführend bei der Auswahl war für mich nicht nur der Aspekt der Dringlichkeit der Thematik, sondern auch der Aspekt ihrer Lösbarkeit.

Einzelne Themen

1. Der weltanschauliche Monismus Rudolf Steiners

Ein zentraler Gesichtspunkt in der Weltauffassung Rudolf Steiners liegt in dessen im zweiten Kapitel der Philosophie der Freiheit (GA-04, Dornach 1978, S. 34) vorgebrachter Überzeugung, man könne die Natur außer sich erst finden, wenn man sie in sich erst kenne. Und es könne desgleichen nur ihr eigenes Wirken sein, das auch im Inneren des Menschen lebt (S. 33) Damit ist der dualistischen Zweiweltentheorie der Kern eines Monismus gegenübergestellt, den Steiner versucht in dieser Schrift zu entfalten.

Die Konsequenzen der geschilderten Ausgangsthese für das derzeitige Weltverständnis sind erheblich. Denn offensichtlich ist es dann so, daß nach Steiners Überzeugung die derzeitige naturwissenschaftliche Weltsicht ein irreales oder haltloses Bild von der Natur entwirft, weil sie gerade diesen Weg in aller Regel nicht beschreitet. Das heißt, sie geht den umgekehrten und sucht nicht zunächst die Natur im Inneren des Menschen, um dann dieses Naturwirken auch außerhalb seiner zu finden. Sondern verfährt regelmäßig dergestalt, daß sie von der Natur außerhalb des Menschen auf diesen selbst zurückschließt. Mit der bekannten Folge, daß der Mensch zum Anhängsel und Zufallsprodukt einer materiell dominierten Natur wird, mit allen Konsequenzen, die das für das weitere Menschenbild des naturwissenschaftlichen mainstream und aller sich daraus herleitenden und daran anlehnenden philosophischen Ismen hat. Das Verhältnis von Mensch und Natur wird Steiners Überzeugung entsprechend von der gegenwärtigen Naturwissenschaft offensichtlich nicht wirklichkeitsgemäß gesehen, sondern regelrecht auf den Kopf gestellt.

Davon ist natürlich nicht nur das physikalische Weltverständnis im weitesten Sinne betroffen, sondern auch alles dasjenige, was von diesem physikalischen Weltverständnis in irgend einer Weise tangiert wird. Und das gilt ganz besonders für gegenwärtige Freiheitsphilosophien, die regelmäßig mit der zeitgenössischen Physik in Kollision geraten. Sei es, daß angesichts geltender Naturgesetze Freiheit überhaupt zur Illusion erklärt wird, oder sich die Fragestellung erschöpft in dem Problem, wie es sein kann, daß von einem amateriellen Wesen physikalische Wirkungen ausgehen können. (Siehe Bieris Thematisierung der mentalen Verursachung.)

Nicht nur Steiners Naturverständnis, sondern auch dessen Freiheitsphilosophie ist unverrückbar verschränkt mit dem von ihm vorgebrachten Monismus. Und es läßt sich kein wirklich fundiertes Verständnis der Freiheitsphilosophie Steiners gewinnen, wenn man dessen weltanschaulichen Monismus nicht recht gefaßt hat. Deswegen ist die Klärung dieser monistischen Weltsicht Steiners in meinen Augen eines der drängendsten und dringlichsten Forschungsanliegen, das derzeit innerhalb der anthroposophischen Bewegung vorgebracht werden kann. Denn ohne dieses Verständnis ist es weder möglich an wissenschaftlichen Diskursen zur Frage der Naturbeschaffenheit noch an solchen zur Freiheitsfrage konstruktiv und überzeugend teilzunehmen und Steiners anthroposophische Sichtweise zu vertreten. Das gilt insbesondere etwa für Diskurse des Typs wie sie oben mit dem Hinweis auf die Einleitung Peter Bieris angedeutet wurden.

Fragen

  • Was aber ist diese Natur im Inneren des Menschen, die es zunächst zu finden gilt, damit sie anschließend auch außerhalb entdeckt wird?

  • Warum ist diese Natur zuerst im Inneren des Menschen aufzusuchen? Wieso geht nicht der umgekehrte Weg von außen her?

  • Wie ist das Naturwirken in seinem Inneren beschaffen? Welchen Charakter hat es?

  • Wie erhält der Mensch Kunde davon?

  • Worauf gründet sich Steiners Überzeugung, daß das Naturwirken innerhalb und außerhalb des Menschen eines und dasselbe sei?

  • Was bedeutet dieser Gedankengang in seiner Konsequenz für das dynamische Verhältnis zwischen innerer und äußerer Welt?

  • Was auch heißt hier Innen und Außen?

  • Und warum überhaupt ist in seinen Augen das Verständnis des Menscheninneren die Voraussetzung zum Verständnis des Menschenäußeren? Mit welchen Argumenten stützt er diese seine Überzeugung?

  • Hat Steiner den Gedanken von der Entsprechung von Innen und Außen nur aus der philosophischen Tradition übernommen, oder selbst entwickelt?

Projektumfang und Gliederung

Seiner Bedeutung nach handelt es sich bei diesem Forschungsvorhaben nach meiner persönlichen Überzeugung um ein Schlüsselprojekt. Das heißt, es hängt auch im Hinblick auf zahlreiche andere Fragestellungen sehr viel von ihm ab. Was auch bedeutet, daß es seiner Komplexität wegen nur in zahlreichen Einzelschritten aufgearbeitet werden kann, weil nicht wenige Fragen daran hängen und mit ihm verknüpft sind, die je einzeln für sich geklärt werden müssen.

Auf der anderen Seite aber ist es aussichtsreich, weil die meisten diesbezüglichen Gedankengänge in Steiners philosophischem Schrifttum gut dokumentiert sind. Man ist also nicht der Notwendigkeit ausgesetzt, sich in diesen grundlegenden Fragen an den weniger authentischen und oft problematischen Ausführungen Steinerscher Vortragsmitschriften zu orientieren. Letzteres kann in Einzelfragen hilfsweise sinnvoll sein. Ist aber keine Verständnisvoraussetzung zur grundsätzlichen Klärung der Sachlage an sich.

Thematisch bietet die Fragestellung alle Möglichkeiten einer Erarbeitung. Von der punktuellen Untersuchung einzelner Teilfragen etwa im Rahmen von Seminar- oder Diplomprojekten oder auch kürzeren Zeitschriftenbeiträgen bis hin zu Promotionen oder Habilitationen ist alles möglich. Und es ist möglich Steiners Gedankengänge nicht nur isoliert zu untersuchen, sondern auch kontextbezogen. Da Steiner seine eigenen philosophischen Überzeugungen in aller Regel immer aus dem Problemkontext zeitgenössischer Meinungen und Auffassungen heraus entwickelt. Das ist vor allem für den universitären Bearbeiter ein nicht unbedeutender Gesichtspunkt. Da es ihm bei einer kontrastierenden und vergleichenden Untersuchung nicht so schwer wird geeignete Mentoren für ein Projekt Steiners Monismus zu gewinnen.

Das öffentliche Interesse an einem derartigen Projekt dürfte nicht gering sein. Abgesehen davon, daß meiner Erfahrung nach den Anhängern der Anthroposophie diese Dinge bislang selbst nicht hinreichend klar sind, ist auch das außeranthroposophische Interesse nicht zu unterschätzen. Denn das Verhältnis zwischen Innen und Außen, zwischen mentaler und physikalischer Welt, im engeren Sinne dann auch das Freiheitsproblem, hat wieder einmal Hochkonjunktur in der akademischen und allgemein kulturellen Debatte. Von daher wäre eine ausgearbeitete und gut belegte anthroposophische Sichtweise ein wichtiger konstruktiver Beitrag zu einem brennenden Gegenwartsproblem.

Teilaspekte mit strategischen Hinweisen

  • Ein entscheidender Gesichtspunkt der Untersuchung liegt in der Tatsache, daß für Steiner dem Denken eine so außerordentliche Bedeutung für die Weltauffassung zukommt. Und zwar - und das ist der Kern daran - nicht nur für das methodische Vorgehen einer jeglichen Welterschließung, sondern auch für die ontologische Bewertung des Weltganzen. Steiners Monismus der philosophischen Schriften ist ein Ideenmonismus dahingehend, daß die Ideen, - oder besser: die Idee - das eigentlich wirkende Wesen in der Welt sind bzw ist. Und zwar innen wie außen.

  • Das menschliche Denken ist nicht nur die individuelle Erscheinungsform der Idee, sondern Denken ist das Wesen der Welt überhaupt. Ideenwirksamkeit schlechthin (ich nenne es hier einmal Weltendenken) und individuelles Denken sind für Steiner qualitativ gesehen eine und dieselbe Sache. "daß das Denken das Wesen der Welt ist und daß das individuelle menschliche Denken die einzelne Erscheinungsform dieses Wesens ist", wie es in den Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (GA-02, Dornach 1979, S. 79) heißt, ist ein Gedankengang, den er soweit ich sehe nicht verlassen hat. Vor allem der Steinerschen Argumentation, die zu diesem Gedankengang vom Denken als Wesen der Welt führt - etwa in den Grundlinien ... (GA-02) oder der Schrift Goethes Weltanschauung (GA-06) - ist ein besonderes Augenmerk zu widmen.

  • Der Inhalt dessen, was ihm die Idee bedeutet, differenziert sich dann im Rahmen seines späteren anthroposophischen Schaffens noch viel weiter im Sinne individueller Geistwesenheiten aus. Aber der Grundgedanke als solcher bleibt bestehen: im Menscheninneren stellt sich die Ideenwelt respektive das Weltendenken unmittelbar dar. Sowohl inhaltlich als auch seiner dynamischen Wirksamkeit nach. Und was im Inneren des Menschen als Idee wirkt ist dasselbe wie das, was auch außerhalb seiner wirkt. Entsprechend sind die äußeren Naturprozesse ihrem Wesen nach ebenfalls Gedankenprozesse, d. h. die Folge von Ideenwirksamkeit. Sie sind - wie es dann aus der späteren anthroposophischen Sicht dargestellt wird - die Taten individueller Geistwesenheiten. Und deren Tun ist gedankenhafter Natur.

  • Die Idee ist weltumspannend und sphärenübergreifend in bezug Subjekt und Objekt, aber vor allem auch in bezug auf Außen und Innen. Was außerhalb des Menschen wirkt ist die eine Idee. Und auch sein individuelles Denken ist das Wirken der allumfassenden Idee selbst. "Bei der Beobachtung des Denkens durchschaut der Mensch das Weltgeschehen. Er hat hier nicht nach einer Idee dieses Geschehens zu forschen, denn dieses Geschehen ist die Idee selbst." (Goethes Weltanschauung, GA-06, Taschenbuchausgabe Dornach 1979, S. 86) Diesen Gedankengang gilt es vor allem herauszuarbeiten.

  • Damit wird das menschliche Denken zum Schauplatz der Wirksamkeit gedankenhafter Weltwesenheiten.

  • Das bedeutet weiter, daß das Denken des Menschen substantiell mit allen Weltenkräften - eben auch den äußeren - verwandt ist, da sie allesamt Manifestationen der einen Idee sind. Und hier wiederum liegt der Schlüssel für die physikalische Dimension des Steinerschen Monismus. Es gibt zwischen dem inneren Denk-Wirken des Menschen und einem äußeren Wirken der Natur keinen grundsätzlichen Gegensatz, wie er in gegenwärtigen Philosophien regelmäßig problematisierend zum Thema gemacht wird, und aus dem sich alle Schwierigkeiten der Wechselwirkung von mentaler und physikalischer Welt herleiten. Denn beides ist für Steiner Ideen- oder Gedankenwirksamkeit: "Erst wenn der Mensch gewahr wird, daß die Naturkräfte nichts anderes sind als Formen desselben Geistes, der auch in ihm selbst wirkt, geht ihm die Einsicht auf, daß er der Freiheit teilhaftig ist. Die Naturgesetzlichkeit wird nur so lange als Zwang empfunden, so lange man sie als fremde Gewalt ansieht. Lebt man sich in ihre Wesenheit ein, so empfindet man sie als Kraft, die man auch selbst in seinem Innern betätigt; man empfindet sich als produktiv mitwirkendes Element beim Werden und Wesen der Dinge. Man ist Du und Du mit aller Werdekraft." (GA-06, Dornach 1979, S. 83 f) Das Dualismusproblem ist für ihn nur ein sekundäres Sichtweisen- oder Perspektivenproblem. Es ist darin begründet, daß dem Menschen die äußere Welt über sein sinnliches Wahrnehmungssystem im weitesten Sinne gegeben wird. Das Wirken der Idee in dieser äußeren Welt kann er nicht unmittelbar erleben, sondern nur mittelbar über die denkende Verarbeitung der Wahrnehmungsgegebenheiten sich zugänglich machen: "An dem Zustandekommen aller übrigen Anschauungen ist der Mensch unbeteiligt. In ihm leben die Ideen dieser Anschauungen auf. Diese Ideen würden aber nicht da sein, wenn in ihm nicht die produktive Kraft vorhanden wäre, sie zur Erscheinung zu bringen. Wenn auch die Ideen der Inhalt dessen sind, was in den Dingen wirkt; zum erscheinenden Dasein kommen sie durch die menschliche Tätigkeit. Die eigene Natur der Ideenwelt kann also der Mensch nur erkennen, wenn er seine Tätigkeit anschaut. Bei jeder anderen Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahrnehmung außerhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wirkendes und Bewirktes ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den ganzen Prozeß restlos in seinem Innern gegenwärtig. Die Anschauung erscheint nicht mehr von der Idee hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst Idee." (Goethes Weltanschauung, GA-06, Taschenbuchausgabe Dornach 1979, S. 85 f)

  • In seinem Inneren also betätigt der Mensch nicht nur dieselben Kräfte, die auch in der äußeren Welt wirken, sondern er schaut sie auch unmittelbar an. Dieses Betätigen und Anschauen wirkender Weltenkräfte nennt Steiner in der Philosophie der Freiheit Beobachtung des Denkens.

Literaturhinweise

  • Einen Überblicksartikel zu diesem Projekt finden Sie hier auf dieser Homepage.


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