Studien zur Anthroposophie

Michael Muschalle


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Michael Muschalle

Rudolf Steiners Begriff der Denk-Beobachtung

(Das Kapitel wir derzeit überarbeitet. Stand 29. 06. S. 19 - 22)

Kapitel 9.1

Über das Zusammenfallen von Wahrnehmung und Begriff und intuitives Denken

Das Denken wird bei der Beobachtung durch beschreibende Begriffe "angeschaut" - das heißt es schaut sich selbst an. "Der beobachtete Ge­genstand ist qualitativ derselbe wie die Tätigkeit, die sich auf ihn rich­tet." sagt Steiner in Kap. III auf S. 48, (alternativ hier S. 30) der Philosophie der Freiheit. Es ist demnach eine denkende / erkennende Tätigkeit, die sich auf die Er­fahrungen des Denkens richtet. Angeschaut wird vergan­genes / exemplari­sches Denken in der Absicht es unter deskriptive Be­griffe zu bringen.

Steiners elementarste Gliederung für Erkenntnisprozes­se ist wiederum die nach Wahrneh­mung und Begriff. In der Zweitauflage der Philoso­phie der Freiheit wird das am Ende von Kapitel VII in den Zusätzen von 1918 (hier auf S. 94; in der GA-4 von 1995 auf S. 133) ei­gens noch ein­mal hervorgehoben mit der Bemerkung: „Man wird aus dem schon Vor­angehenden, aber noch mehr aus dem später Ausgeführten ersehen, daß hier alles sinnlich und geistig an den Menschen Herantreten­de als Wahr­nehmung aufgefaßt wird, bevor es von dem tätig erarbeiteten Begriff er­faßt ist.“ Was natürlich auch für das unbegriffene Denken gilt, das in sei­ner Erscheinungsform von wirkender Denktätigkeit und bewirk­tem Den­kinhalt zunächst einmal nur «Wahrnehmung ist, bevor es von dem tätig erar­beiteten Begriff erfaßt ist.»

Eben­so selbstverständlich sollte es deswegen sein, daß die «qualitativ gleichwer­tige» den­kende / erkennende Tä­tigkeit, die sich auf die Erfah­rungen des Denkens beobachtend rich­tet, ebenfalls zugleich wahrgenom­men wird. Denn andernfalls wüsste der Denker gar nicht, dass er in ei­nem denken­den / erkennenden Tun begriffen ist. Letzteres müsste ihm automa­tenhaft unbewußt bleiben, wenn dem so wäre und er diese seine Aktivi­tät nicht erlebte. Er muß infolgedessen von dieser aktuellen erken­nenden / den­kenden Ak­tivität eine unmittel­bare Erfahrung / Wahrnehm­ung haben. Laut Steiner jeden­falls ist es über sämtliche Frühschrift­en hinweg in der Tat so, dass die denkende / erkennende Aktivität wahrge­nommen wird.

Desgleichen muß der Erkennende des Denkens auch von seinen Er­kenntnismotiven ein Be­wusstsein haben, die hinter seinem inneren Han­deln ste­hen und seine Akti­vität mobilisie­ren. Denn er erkennt das Den­ken nicht ohne Anlass aus dem Nichts heraus und ins Blaue hinein. Son­dern es gibt stets einen kon­kreten Beweggrund dafür in Ge­stalt eines «Er­kenntnis-Motivs» und einer «Triebfeder» seines erkennen­den Han­delns. Er muß sich auf der Grundlage eines gezielten und beobachtbaren Wil­lensentschlusses dem eigenen Denken betrachtend / erkennend ge­genüberstellen. Eines kon­kreten Erkenntnis-Ent­schlusses, der auch je­derzeit feststellbar ist.

Um mit der Philosophie der Freiheit zu sprechen: „Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen, insoferne er sich eines solchen bewußt ist.“ (GA-4, Kap. III, S. 38) Und an späterer Stelle, (ebd. Kap. IX, S. 149): Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die Triebfeder. Das Motiv ist ein begrifflicher oder vorstellungs­gemäßer Faktor; die Triebfeder ist der in der menschlichen Organisation unmittelbar bedingte Faktor des Wollens. Der begriffliche Faktor oder das Motiv ist der augenblicklic­he Bestimmungsgrund des Wollens; die Triebfeder der bleibende Bestim­mungsgrund des Individuums. Motiv des Wollens kann ein reiner Be­griff oder ein Begriff mit einem be­stimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, das ist eine Vorstellung.“

So Steiner in der GA-4, Kap. IX (auch hier S. 103 f) zu den Motiven. Das gilt wie gesagt auch für jene inneren Wil­lenshandlungen, die bei der Selbstbeobachtung, und ganz speziell bei der erkennenden Betrachtung des eigenen Denkens in­frage kommen. Die dahinter stehende Frage- und Auf­klärungsintention läßt sich als Motiv und Triebfeder nachwei­sen. Nicht nur beim selbster­kennenden Denker findet sich ein entsprechendes Forschungsmotiv, son­dern auch bei or­ganisierten Forschungsprojekten ist das so. Zumal es bei letzteren dazu ge­hört, die Zie­le des forschenden Tuns sachlich be­gründet zu be­nennen, wie es ja auch in der Philoso­phie der Freiheit und in Steiners restli­chen Be­gründungsschriften regelmäßig der Fall ist. - Und zwar sind sie wegen solcher Begründungen als Er­kenntnis-Motive auch dann sicht­bar, obwohl mancher Literat und Stei­nerinterpret bei Stei­ner erklärterma­ßen erst gar keine Mo­tive sucht, weil er das für gänzlich aussichtslos hält.

Wie Sie bei Christian Clement, von dem (Stand 26.04.22) diese Aus­kunft um die ganz und gar unauffind­baren Motive Steiners stammt, se­hen und wie Sie expli­zit von ihm hören werden, sind nicht nur Steiners Moti­ve absolut unauffind­bar, sondern auch seine eigenen nicht ganz ernst zu neh­men, weil sie von ihm selbst nicht wirklich sicher zu ermit­teln seien. Sie könnten auch voll­kommen il­lusionär, weil verschleiert sein. Und letz­teres wäre ja im allgemeinen durchaus möglich. Wenn er nun schon Stei­ners Motive nicht finden kann, dann könnte Herr Clement aber doch bei den eigenen etwas glücklic­her und zu­mindest in der Lage sein, bei diesen et­was mehr Stabilität zu erlan­gen, indem er be­ginnt, sein Den­ken zu beob­achten. Denn das geht ohne einen forschungs-motivi­schen Hinter­grund eben gar nicht. So we­nig, wie man ernst­hafte mathe­matische Pro­bleme ohne Motiv und absichtslos, aber dennoch zielge­richtet und erfolgr­eich lösen kann. Was ein Widerspruch in sich selbst wäre. Beim Er­kennen des Denkens sind die Voraussetzungenen nicht an­ders. So daß auch hier eine motivlose, aber gleichwohl zielgerichtete Er­kenntnishandlung nicht vor­stellbar ist. Und Herr Clement zu­mindest da­bei doch punk­tuell eine ge­wisse Klar­heit und Über­sicht zu sei­ner ganz persönli­chen Mo­tivationslage er­langt. Das kann ja auch schon hilfreich sein. Indem er sich einfach nur fragt: Warum er in den Ausnahmezus­tand zur Beobach­tung des Den­kens ein­tritt, nachdem er die Philo­sophie der Frei­heit nebst anderen Begrün­dungsschriften Stei­ners gründ­lich studiert hat. Zur Grundsatzorient­ierung kann das mitun­ter recht erhellend sein. Siehe dazu meinen längeren Ex­kurs hier, Kap. 14.1 auf derzeit S. 759 ff.

Aber lassen wir es hier erst einmal bei diesem eingesprengten Aperçu um die Blütenträume einer manchmal ziellos herumschlingernden und schlei­ernden Steinerforschung, und ver­suchen Sie es stattdes­sen selbst. Was Sie jeden­falls als Beobach­ter Ihres Denkens bemer­ken wer­den, ist, dass Sie sich inner­lich aufraffen müssen zwecks Beobach­tung Ihres Den­kens. Sie müssen dazu wissen was Sie tun wollen und warum. Daß und warum Sie gewissermaßen gegen den eigenen, permanenten Denkstrom anschwim­men, indem Sie ihn beobachten. Denn die Erkenntn­is des Den­kens ge­lingt nur, wenn man es auch ernst­lich will im so­genannten «Aus­nahmezustand», wie Steiner die Bewußts­einshaltung der Beobach­tung des Denkens im dritten Kapi­tel der Philo­sophie der Frei­heit nennt, den ein­zunehmen ohne ein entsprechen­des Erkennt­nismotiv nie­mandem in den Sinn käme. Und der daher als ganz be­wußte Erkennt­nishandlung nur mo­tivisch geleitet und willentlich ein­genommen werden kann, auch wenn er im übrigen nicht allzu schwierig einzuneh­men ist, wie Steiner selbst sagt. Wer diesen Wil­len dazu allerdings nicht hat, sich in den beob­achtenden Ausnahmezu­stand zu versetzen, der kommt nicht weit mit der Erkenntnis des Den­kens. Oder um mit Steiner zu konstatie­ren: „Wer den guten Willen nicht hat, sich in diesen Standpunkt zu ver­setzen, mit dem könnte man über das Denken so wenig wie mit dem Blinden über die Farbe sprechen...“. (GA-04, hier S. 28 f)

An­hand dieses als «Ausnahmezustand» bezeichneten Beobachtungs­standpunktes läßt sich dann allerdings die «allerwichtigste Beob­achtung ma­chen, die dem Menschen möglich ist.»: „Denn er beob­achtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich nicht ei­nem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen Tätigkeit gegen­über. Er weiß, wie das zustande kommt, was er beobachtet. Er durch­schaut die Verhältnisse und Bezie­hungen. Es ist ein fester Punkt gewon­nen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterschei­nungen suchen kann.“ So Steiner hier S. 29 dazu. Mit ande­ren Worten: Der Mensch «durch­schaut dabei das Weltgeschehen», wie er es dann 1897 in Goe­thes Weltanschauung (S. 70) noch prägnanter aus­führte: „Bei der Be­obachtung des Den­kens durchschaut der Mensch das Weltgesche­hen. Er hat hier nicht nach einer Idee dieses Geschehens zu forschen, denn dieses Ge­schehen ist die Idee selbst.“ (Unverändert in der GA-06 von 1990, dort auf S. 86.) - Vergleichbares kann man aber bereits 1886 in den Grundliniendazu hören, wenn im Kapitel 13, hier S. 78 vom «Denken als Wesen der Welt» die Rede ist: „Unsere Erkenntnistheo­rie führt zu dem positiven Ergebnis, daß das Denken das Wesen der Welt ist und daß das individuelle menschliche Denken die einzelne Erscheinungsform die­ses Wesens ist.“ Ein wirkungsloses We­sen der Welt wiederum ist für Steiner, der nach den geistig wirkenden Kräf­ten der Welt sucht, schlech­terdings nicht vorstellbar. Mit dem be­kannten Re­sultat, daß er den beim Denken erlebten Zusammenhang von Wirken­dem und Bewirktem schon 1886 ausdrücklich im Kapitel 8 und 15 her­vorhebt (siehe weiter unten). So daß die Wendung «durchschautes Welt­geschehen» von 1897 neben der «al­lerwichtigsten Beobachtung» von 1894 dann wirklich keine Überraschung mehr war.

Das Beobachten allerdings muß man wirklich auch ernst­lich wollen und benötigt dazu selbstverständlich ein ent­sprechendes Er­kenntnis-Motiv hinsicht­lich dessen, was man da eigentlich will. Dieses Motiv, das dann zur Triebfeder des in diesem Fall inneren Handelns wird, kann wieder­um auch nur aus den rein gedanklichen Über­legungen des (in­tuitiven) Den­kens gewonnen werden. Denn anders als über das (intuitive) Denken kommt man zu keinen Forschungsmotiven, die auch noch klar formuliert und sachlich begründet sind, um mit Stei­ner zu spre­chen. Denn wenn es schon das intuitive Denken ist, «durch das eine jegli­che Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hinein ge­stellt wird», wie er hier S. 180 sagt, dann erst recht jene inneren Wahr­nehmungen, die methodisch an­hand von Forschungsprojekten zum Den­ken in die Wirk­lichkeit erken­nend hinein gestellt werden.

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Man muß sozusa­gen erst vom eigenen Denken zurücktreten wollen, um es sich in Erkennt­nisabsicht im Ausnahmezustand «gegen­überzustellen», wie wir unten noch näher sehen werden. Dazu braucht man einen klar ar­tikulierten Willens­entschluß, um sein eigenes Den­ken dann im Aus­nahmezustand zu erle­ben und zu beobachten. Und sei es, daß man über­haupt nur wissen will, «was wir erleben wenn wir denken», so wie es Karl Büh­ler 1907 seiner prominenten Untersuchung des Denkens als de­zidierte Leit­frage hier auf S. 303 vor­angestellt hat. Als ganz elementares Anlie­gen seiner methodischen Beobachtung des Denkens. - Die Mensch­heit, zu­mal die an­throposophischen Anhänger Steiners wären schon viel wei­ter, wenn sie sich in genü­gend großer Zahl und ebenso systematisch wie Karl Bühler so eine Frage in den zurückliegenden 120 Jahren ernst­haft in Er­kenntnisabsicht vorgelegt hät­ten, wie es damals Bühler tat. Und wie es Steiner nicht nur ebenso ausdrücklich empfiehlt, sondern noch weit ein­dringlicher über viele Jahrzehnte hinweg. Abgesehen von Merijn Fagard, den sie auf meiner Website und in seinem Forschungsprojekt finden, ha­ben sich da empirisch psychologisch noch wenige Anthropo­sophen hin­gewagt, wenn es gottseidank auch in den letzten Jahren zunehmend mehr geworden sind, die sich dem auch von akademischer Seite nähern.

Bühlers Leitfrage, «Was erleben wir wenn wir denken?» mag vielleicht auch eine Hilfestellung geben, den Beobachtungsbegriff etwas näher zu charakterisieren, wenn man ihn mit dem von Steiner genannten Erkennt­nismotiv in Verbindung bringt. Dem Wissen um das eigene geistige Stre­ben, das sich im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit zu Beginn anläßlich der grundlegenden Einführung von Beobachtung und Denken findet. Dort mit den Worten vorgebracht: „Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Men­schen, in­soferne er sich eines solchen bewußt ist ....“ (Hier S. 23.) Der Mensch ist sich seines geistigen Stre­bens bewußt. Das ist sozusagen der Grundcha­rakter, meinetwegen auch Grundvoraussetzung von Beobach­tung und Denken an dieser Stelle dort. Was soviel heißt wie: Ich muß meine For­schungsmotive bei der Beobachtung des Denkens natürlich auch kennen, denn sonst wäre ich mir mei­nes geisti­gen Stre­bens darin nämlich nicht bewußt. Was trivial ist und für jedes bewußte Forschungs­prozedere gilt, das ja ganz gezielt auf Erkenntnisgewinn hinorien­tiert ist.

Die von Bühler genannte Leitfrage «Was erleben wir wenn wir denken?» ist so ziemlich die elementarste, die man auf dem empirischen Beobach­tungsweg über das Denken beantwor­ten kann. Im simpelsten Fall mit «Ja!» oder «Nein!»: «Es gibt dort Erlebnisse oder auch keine.» In der Mehrheit der Fälle aber solche mit ziemlich differenzierten Ein­zelheiten des Denkgesche­hens, die den Versuchspersonen Bühlers noch erin­nerlich waren. So­fern sie als Psycho­logen der selben Leitfrage folg­ten wie Büh­ler, und das war ja in der Re­gel der Fall, haben sie mit ihrer Ant­wort auch ein im­plizites Urteil mit Blick auf Bühlers Fra­ge abgege­ben. Insofern, als sie seine Leitfrage positiv und oft auch vielschichtiger beantworten konn­ten. Und damit konnten sie sich ein qualifiziertes Ur­teil zu jenen Annah­men von zahlreichen Fachphilosophen erlauben, die sei­nerzeit glaubten, daß es beim Denken gar nichts zu erleben gäbe, wie Büh­ler eingangs aus­führt. Das Urteil wiederum, «Ja, da ist doch eine Menge zu er­leben!» ist natür­lich das Re­sultat einer einfachen Begriffs­bildung auf der Grund­lage von Erfah­rung des Den­kens. Meinetwegen ein Wahrneh­mungsurteil, um an Stei­ners Ka­pitel 11, hier S. 64 der Grundli­nienanzuknüpfen: „Durch das Wahrnehmungsurteil wird er­kannt, daß ein bestimmter sin­nenfälliger Gegenstand seiner Wesenheit nach mit einem bestimmten Be­griffe zusammenfällt.Ein Wahrneh­mungsurteil, diesmal bezo­gen auf Wahrneh­mungen des «inneren Sin­nes», von de­nen in den Grundlinienim Kapitel 7 auch die Rede ist. Im einfachst­en Fall ist es ein Existen­zialurteil dahin­gehend, daß da über­haupt etwas als Wahrnehm­ung exis­tiert, was wie gesagt von vielen Zeitge­nossen laut Bühler be­stritten wur­de.

Wie leicht zu erkennen ist, bewegt sich die Leitfrage Bühlers, «was wir er­leben, wenn wir denken?» ganz in der Nähe oder im unmittelbaren Um­kreis dessen, was Steiner in der Philosophie der Freiheit dahingehend ausführt, wenn er sagt, „daß hier alles sinnlich und geistig an den Men­schen Herantre­tende als Wahrnehmung aufgefaßt wird, bevor es von dem tätig erarbeite­ten Be­griff erfaßt ist.“ (hier, Kap. VII, S. 94). Bezogen auf Steiner unter­suchte Bühler anhand seiner Leitfrage, ob es beim Denken überhaupt «Wahr­nehmungen» gibt oder nicht. Erst wenn man so eine Frage beant­wortet hat, läßt sich weitergehend darüber reden, ob und wie man sie mit einem tätig erarbeiteten Begriff erfasst. Was da­bei als «Wahrnehmung überhaupt» auftritt, das ent­spricht zu­nächst dem, was Steiner in den Grundlinienund in Anlehnung an Jo­hannes Vol­kelt die «reine Erfah­rung» nennt. Solche reinen Erfahrungen sind aus Steiners Sicht zunächst einmal als Wahrnehmungen zu betrach­ten. Wahr­nehmungen, die so lange als «Wahrnehmungen» zu betrachten sind, bis sie vom tä­tig erarbeite­ten Begriff erfasst worden sind.

Das wissenschaftlich psycho­logische Beobachtungsprojekt zwecks Er­kenntnis des Denkens beginnt faktisch allerdings bereits in dem Mo­ment, wo man die eigene begründete Erkenntnisabsicht in die Tat um­setzt, und sich dann wie Büh­ler fragt, ob und was dabei überhaupt zu er­leben ist. Man sucht dann eben anhand eines speziell organisierten expe­rimentellen Vorgehens ganz ausdrücklich nach inneren Wahrnehmung­en; oder «reinen Er­fahrungen», um mit Johannes Volkelt zu sprechen. Das grundlegendste Urteil, das man dann aussprechen kann, betrifft le­diglich die Existenz oder Nicht-Exis­tenz von Wahrnehmungen beim Denken. Ob die elemen­tarsten Wahrneh­mungen der Würzburger bereits solche Existenzialurtei­le ent­hielten oder nicht, darüber läßt sich eigent­lich nicht streiten. Denn ausge­sprochen wird das Urteil ja erst in dem Augenblick, wenn die Exis­tenz ausdrücklich bejaht oder verneint wird. Oder wenn man beginnt, die Wahrnehmungen näher zu charakterisieren, was regelmäßig hinterher in Berichtsform der Fall war. So lange nur etwas erlebt wird ist das nicht der Fall. Und zwar umso sicherer, je mehr man sich auf die Beantwor­tung jener Denkaufga­be konzentriert hat, die dazu als Denkexperiment vorgelegt wird. Obwohl man sich formell natürlich in dem Moment schon im Beobach­tungsprojekt be­findet, das ja willentlich und wohlorganisiert unternommen wurde.

Die Frage, was solche erlebten Wahrnehmun­gen eigentlich sind, auf die man dabei ge­stoßen ist, ist vom elementaren Wahr­nehmungsurteil noch ganz unbe­rührt. Und ebenso unberührt sind sie von der Frage, was sie im Denkzu­sammenhang eigentlich zu be­deuten haben, und welche Rolle sie für ei­nen empirischen Begriff des Denkens spielen. Was ja einen großen und auch den theoretisch anspruchsvolleren Teil von Bühlers Habilitati­onsarbeit aus­machte. (Deren Teile 2 und 3 Sie auch hier finden.) Da gilt dann auch Steiners Feststellung aus der Philoso­phie der Freiheit, wonach „al­les sinnlich und geistig an den Men­schen Heran­tretende als Wahrneh­mung aufgefaßt wird, bevor es von dem tätig erar­beiteten Begriff erfaßt ist.“

Die Frage ist dann weiter: Was heißt das im vorliegenden Bühlerschen Fall der Frage nach der Existenz von Wahrnehmungen über­haupt? Und sind diese schon vom tätig erarbeiteten Begriff erfaßt, wenn überhaupt nur ihr Vorhandensein festgestellt wird, ohne auf das «Was» näher eingehen zu kön­nen. Oder gar auf ihre Rolle im gesamten Denkprozess. Immerhin war bei den Würzburgern das Bemerken von Wahr­nehmungen sogar ein maßgeblicher Teil von Bühlers Frage­stellung, wenn man des­sen Abhand­lung folgt und sich seine programmatischen und methodi­schen Eingangs­erläuterungen ansieht: „Es gibt wohl kaum eine andere einzelwissen­schaftliche Frage, auf die man so viele verschiedene Ant­worten erhalten kann als auf die: was ist Denken? Denken ist Verknüp­fung, Denken ist Zerlegung. Denken ist Urteilen. Denken heißt Apperzi­pieren. Das Wesen des Denkens liegt in der Abstraktion. Denken ist Be­ziehen. Denken ist Aktivität, ist ein Willensvorgang. Fragt man aber spe­zieller nach den In­halten der Denkerlebnisse, dann lautet die Antwort sehr einmütig, spezi­fische Denkinhalte gebe es nicht. Es gibt nur ganz wenige Forscher, die diesen Satz nicht anerkennen würden. Und gerade das, was die meisten eint, ist nun die folgende Untersuchung bestimmt, zu bestreiten, ...“ So Bühler dort. Was «die meisten Forscher einte», war die Annahme, dass es spezifische Denkerlebnisse gar nicht gäbe. Und das wollte er leitmoti­visch mit seiner Untersuchung klären, ob dem überhaupt so ist.

Klar ist zunächst auch hier, dass so ein Urteil über die Existenz oder Nichtexistenz von Denkwahrnehmungen zeitlich der Wahrneh­mung nur nach­folgen kann, denn die muß als Wahr­nehmung ja erst ein­mal da sein, bevor ich über de­ren Existenz urteilen kann. Die Erlebnisse des Denkens sind also schon da, bevor ich in einem zweiten Schritt darüber Begriffe bilde. Daß es wieder­um bei ein­fachsten Wahrneh­mungsurteilen nicht bleibt und die Verhältnis­se zuneh­mend komplexer werden, können Sie ebenfalls bereits den ausführlichen Untersuchun­gen Bühlers entnehmen.

Und hier gibt es einen weiteren großen Unterschied zwischen dem Denk­psychologen Bühler und dem «philosophischen Beobachter» Steiner (sie­he auch nachfolgend). Dem letzteren nämlich ging es von Anbeginn nicht nur um rein denkpsychologische und engere Fragestellungen, sondern auch um idealistisch-naturwissenschaftliche, insofern, daß er als Goethe­forscher und auch unabhängig von Goethe explizit nach den wirkenden Kräften der Natur im Inneren suchte. Wie Sie nicht nur den Grundlinienvon 1886 ablesen können, und nicht nur seinem Kommentar zu Goe­thes Essay Die Natur in der Kürschnerausgabe von 1887 auf S. 6, wo es heißt: Sin­nenfällig wahrnehmbar sind nur die Geschöpfe der Natur, nicht ihre schaffende Kraft. Die letztere (die Mutter) wird uns erst in der Wissenschaft ver­mittelt, wenn wir uns von der Natur als einer Mannichfaltigkeit von Produkten zu ihr als der Produzentin erheben. Wir müssen von den gegebenen Dingen zu den Kräften der Natur vor­schreiten, von der Wirkung zu dem Wirkenden.“ Son­dern Vergleichbares auch dem zweiten Kapitel der Philosophie der Freiheit hier S. 20 f: So wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben, so wahr ist es, daß wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr. Es kann nur ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns lebt. [] Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden. Eine einfache Überlegung kann uns diesen Weg weisen. Wir haben uns zwar losgerissen von der Natur; aber wir müssen doch et­was mit herübergenommen ha­ben in un­ser eigenes Wesen. Dieses Natur­wesen in uns müssen wir aufsuchen, dann werden wir den Zusammen­hang auch wieder finden.“ Und noch klarer im Buch Goethes Weltan­schauung von 1897 im Kapitel Die Metamorphose der Weltanschauung ab S. 61, wo dann das Weltgeschehen ganz explizit bei der Beobachtung des Denkens durchschaut wird.

Der Forschungshorizont Steiners war sehr viel weiter als derjenige Büh­lers. Um das Weltgeschehen ging es Bühler (noch) nicht. Aber Steiner insofern, als er mit sei­nen denkpsychologischen Beobach­tungen nach ei­ner er­kenntnistheoretischen Grundlage für die Welterklä­rung suchte. Das be­trifft natürlich auch die wirkenden Kräfte der Na­tur, die nach sei­ner Auffas­sung nur geistig sein konnten – so viel geht bereits aus den Grundlinienhervor. Und so viel geht auch aus seinem Kommentar zu Goethes Na­turhymnus hervor. Des­gleichen aus Goethes Weltan­schauung (Ausgabe von 1897) wonach (S. 69 f) «der Beobachter des Denkens das Weltgeschehen durchschaut». Weil er dabei die (wir­kende) Idee selbst durchschaut.

Desgleichen ebenso klar wenige Seiten zuvor (S. 67 f) in seinen Goethe kommentierenden Worten: „Goethe macht einmal die Bemerkung: «Wer sie [meine Schriften] und mein Wesen überhaupt verstehen gelernt, wird doch bekennen müssen, daß er eine gewisse innere Freiheit gewonnen.» (Unterhaltungen mit dem Kanzler von Müller, 5. Jan. 1831.) Damit hat er auf die wirkende Kraft hingedeutet, die sich in allem menschlichen Erkenntnisstreben geltend macht. Solange der Mensch dabei stehen bleibt, die Gegenstände um sich her wahrzunehmen und ihre Gesetze als ihnen eingepflanzte Prinzipien zu betrachten, von denen sie beherrscht werden, hat er das Gefühl, daß sie ihm als unbekannte Mächte gegenüberstehen, die auf ihn wirken und ihm die Gedanken ihrer Gesetze aufdrängen. Er fühlt sich den Dingen gegenüber unfrei; er empfindet die Gesetzmäßigkeit der Natur als starre Notwendigkeit, der er sich zu fügen hat. Erst wenn der Mensch gewahr wird, daß die Naturkräfte nichts anderes sind als Formen desselben Geistes, der auch in ihm selbst wirkt, geht ihm die Einsicht auf, daß er der Freiheit teilhaftig ist. Die Naturgesetzlichkeit wird nur so lange als Zwang empfunden, so lange man sie als fremde Gewalt ansieht. Lebt man sich in ihre Wesenheit ein, so empfindet man sie als Kraft, die man auch selbst in seinem Innern betätigt; man empfindet sich als produktiv mitwirkendes Element beim Werden und Wesen der Dinge. Man ist Du und Du mit aller Werdekraft. Man hat in sein eigenes Tun das aufge­nommen, was man sonst nur als äußeren Antrieb empfindet. Dies ist der Befreiungs-Prozeß, den im Sinne der Goetheschen Weltanschauung der Erkenntnisakt bewirkt.“ -

Oder wie Steiner bereits 1886 an die Dichterin M. E. delle Grazie schrieb: „Oh, wir sollten doch endlich zugeben, daß ein Wesen, das sich selbst erkennt, nicht unfrei sein kann! Indem wir die ewige Gesetzlichkeit der Natur erforschen, lösen wir jene Substanz aus ihr los, die ihren Äußerungen zugrunde liegt. Wir sehen das Gewebe der Gesetze über den Dingen walten, und das bewirkt die Notwendigkeit. Wir besitzen in unserem Erkennen die Macht, die Gesetzlichkeit der Naturdinge aus ihnen loszulösen und sollten dennoch die willenlosen Sklaven dieser Gesetze sein? Die Naturdinge sind unfrei, weil sie die Gesetze nicht erkennen, weil sie, ohne von ihnen zu wissen, durch sie beherrscht werden. Wer sollte sie uns aufdrängen, da wir sie geistig durchdringen? Ein erkennendes Wesen kann nicht unfrei sein.“ (GA-30, Dornach 1989, S. 238 f)

Erkenntnistheorie (und Freiheitsforschung) auch als Naturforschung von Innen. In allen seinen Frühschriften. Das war ausdrückliches Programm nicht nur der Philosophie der Freiheit laut zweitem Kapitel, sondern bereits der Grundlinien. Wor­auf wir gleich noch kommen werden.

Vielleicht hilft es, um den Unterschied zwischen Bühler, dessen Ver­suchspersonen und Steiner etwas zu charakterisieren, auch Steiners Un­terscheidung von Verstand und Vernunft aus dem Kapitel 12 der Grund­linien(hier S. 67 ff) etwas zu bemühen. Und zwar wird der Horizont der Beobachtung immer weiter, je mehr versucht wird, die größeren Zu­sammenhänge in den Blick zu bekommen. Das geistige Weltgeschehen und seine ethi­schen Implikationen gehören zusammen mit den Ausein­andersetzungen zwischen Materialismus, Monismus, Spiritualismus und Freiheit des Menschen sicherlich zu den höchsten Fra­gestellungen, die man sich als psycholo­gisch / philoso­phischer Beobach­ter stellen kann. Was beim Anthroposo­phen Steiner dann ja noch ganz an­dere Formen der Untersuchung an­nimmt. Aber es ist klar, daß derjeni­ge, der nach dem durchschauten Weltgeschehen fahndet, vor allem Wert legt auf si­cher erlebte Wirksamkeiten und ihre Zusammenhänge in der Welt, und, – im Falle Steiners, – als empirischer Erkenntniswissenschaft­ler ebenso na­türlich in seinem Inneren. Wir werden das unten in Verbin­dung mit Kants Kausalitätspro­blem noch etwas näher ausführen.

Was bei Bühler ersichtlich alles keine vorrangige Rolle spielte, denn der war mit seiner Habilitationsarbeit wesentlich als Denkpsychologe unter­wegs, und nicht als Weltbeob­achter, der mit psychologischen Mitteln nach wirkenden Kräf­ten im In­neren zwecks Welterklärung und zwecks Überwindung des Kantschen Il­lusionismus suchte. Beim Würzburger In­stitutsleiter Oswald Külpe war das schon deutlich anders als bei Bühler, wie Sie an sei­nem Artikel über die Psy­chologie des Den­kens hier ab S. 297 ff nachle­sen können. Der dort ganz expli­zit von inne­ren Wirksamkei­ten spricht, die bei den psy­chologischen Ver­suchen ge­funden wurden. So daß er in diesem Artikel S. 312 ff von der «monarchischen Struktur des Seelenle­bens» spricht. Und die enorme philosophische Bedeutung sol­cher empiri­sch psychologischen Befun­de ausdrücklich hervorhebt. Wäh­rend andere Zeitgenossen wie F. A. Lange seinen Worten zufolge den Geisteswissenschaften «nur Steine statt Brot» auftischten, wie er S. 311 f hervorhebt. Ver­gleichbares können Sie bereits dem Psychologieka­pitel 18 aus Steiners Grundlinien... entneh­men. Bei Külpe lesen Sie ähn­lich und seine kritische Passage abschließend: daß Zeitge­nossen wie F. A. Lange an den Außenwerken der Psychologie stehen blei­ben und sich „mit dem Hallerschen Spruche trösten: ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist.“ Naturforschung von Innen also nicht nur bei Steiner, sondern ganz ausdrücklich auch bei Külpe. Analog wie bei Goethe, der dazu allerdings nicht den Weg der Beobachtung des Denkens beschritt wie Steiner.

Kommen wir zurück zur Frage der Beobachtung. Prinzipiell beginnt das Beobachtungsvorhaben dann, wenn das Erkenntnismotiv methodisch ver­wirklicht wird. Das Motiv muß ja vorhanden sein, wenn jemand auf der Grund­lage spezi­fischer For­schungsüberlegungen etwas über das Denken wissen will. Was natürlich auch für Versuchspersonen, zumal für fachliche gilt, die sich so eine Frage­stellung zu eigen gemacht haben wie die, «Was wir er­leben wenn wir den­ken?» So daß die Erkenntnisin­tention als be­wußtes Motiv bei allen Betei­ligten, mehr oder weniger spe­ziell ausge­prägt vor­handen ist, sonst wür­den sie sich zumal als fachpsy­chologische Ver­suchspersonen auf so et­was ja nicht einlassen.

Die nächste Frage lau­tet dann: Wann be­ginnt eigent­lich die Er­kenntnis des Denkens, wo über die Erfah­rungen des Denkens nach­gedacht wird und man zur anspruchs­volleren Begriffs­bildung darüber ge­langt. Das Wahrnehmungsurteil: «Es gibt Denker­lebnisse! / oder auch nicht!» kann die Versuchsperson gege­benenfalls schon fällen, unmittelbar nach­dem sie etwas erlebt hat. Das kann, entspre­chendes In­teresse vorausgesetzt, als einfa­che Urteilskonsta­tierung unter Umständen, und zumal in Phasen der Stockung oder des In­nehaltens während des Experimentes ziemlich schnell gehen, ohne den experimentel­len Denkfluß entscheidend zu un­terbrechen. Sie sind dann vielleicht auch verblüfft oder überrascht über das bislang Erlebte, und so weiter. Bühlers «Aha-Erlebnis», ist ja als ge­flügeltes Wort in die Geis­tesgeschichte eingegan­gen. Innerlich ausge­sprochen übri­gens häufiger von seiner Versuchsper­son K. (Külpe), wie Sie etwa auf S. 305 und öfter in Bühlers Studi­en nachle­sen können wie etwa an folgender Stelle in seinen Protokollen: „Da kam mir pötzlich mit einem Aha! der Ge­danke: das ist die bekannte An­schauung, daß Grenzen nur von Überra­gendem aus festgestellt werden können.“ Das «Aha!» der Versuchsperson Külpe be­gleitete in diesem Fall dessen Denken und war le­diglich Ausdruck einer für die Problemlösung der experimentellen Denkaufgabe wichtigen Entde­ckung. Er fand etwas unerwartet einen Lö­sungsweg und begleitete das mit diesem inneren Kommentar. Wie weit das erlebte «Aha!» wie­derum schon ein Wahrnehmungs-Urteil war und nicht bloß ein prägnant durch­laufener Überra­schungsreflex, der sich dann ledig­lich in einer vor­begrifflichen Interjekti­on als Ausdruck des Erstaunens in ei­nem ent­scheidenden Denkstadium niederschlägt, wie «Ach!», «Oh!» und «Hui!», oder das dem Archimedes nachgesagte «Eu­reka!» als Ausdruck der Freude über eine gefundene be­deutende Ein­sicht, ist eine weitere Frage. Nachgedacht wurde über die Funktion des «Aha!» jedenfalls den Protokollen zufolge erst später. Zur denkpsycho­logischen Be­wertung dieses «Aha!» siehe auch Bühler im Teil 2 seiner Untersuchung etwa auf S.17.

Es mag sein, daß in einzelnen Fällen den denkpsychologisch erfahrenen Versuchspersonen auch wäh­rend des Versuchs klar wurde, daß das Er­lebnis zur Klärung ihres expliziten For­schungsvorhabens selbst gehörte. Dann hät­ten sie sozusagen zwischendurch einen Ab­stecher vom Experi­ment zum For­schungsprogramm und seiner Lösung in Urteilsform ge­macht. Die Hauptarbeit der Beob­achtung allerdings, wie man insbeson­dere schon bei solchen Be­wertungsfragen wie um das berühmte «Aha» sieht, nämlich die psy­chologisch / philosophische Beurteilung der mitge­teilten Denk-Erlebnis­se, worin die eigentliche Er­kenntnisarbeit liegt, nimmt den weitaus größ­ten Teil der Bühler­schen Habilitationsstu­die ein. Der sich da­bei ja mit ei­nem nennenswerten Teil der zeitgenössi­schen Fachli­teratur und ihren Problemstellungen kri­tisch auseinander­setzt. Eine Ver­suchsperson kann das natürlich nicht während des Versuchs. Zumal wenn sie nur feststellen will, was sie während des Denkens er­lebt. Wenn die Versuchsperson als «philosophischer Beobachter» (Stei­ner) ihre Denker­lebnisse schließlich auch noch mit Kants Kausalitätsprob­lem sach­gemäß in Ver­bindung bringen wollte, dann müsste sie den basalen Versuch über­haupt ab­brechen, der lediglich et­was über das Vorhandensein von speziellen Erlebnissen wäh­rend des Denkens aus­sagt. Und sich für min­destens einige Wochen oder Mo­nate, viel­leicht auch Jahre oder ein gan­zes Leben lang, je nach Bil­dungs-, Wis­sens,- und In­teressenstand zu­rückziehen, um die Frage zu beantwor­ten, was das Er­lebte alles mit die­sem Problem Kants zu tun hat. Erst da­mit, wenn sie das ganze Für und Wider um die Erkenntnis von Kausal­zusammenhängen erfolgreich auf ihr Versuchsprozedere übertragen hät­te, wäre ihr Be­obachtungsprozedere abge­schlossen. Und die Wahrneh­mung mit dem «tätig erarbeiteten Begriff erfaßt», um mit Steiner zu sprechen. Dahinge­hend, daß sie «bei der Beoba­chtung des Den­kens das Weltgesche­hen durch­schaut», wie es Stei­ner 1897 hier S. 70 be­merkte. Das Beobachtungsunterfangen zur philosophischen Klärung einer Wahr­nehmung kann unter Umständen viele lange Jahre in Anspruch nehmen.

Ohne spezielle philosophische Pro­blemkenntnis der Naturerklärung und ohne empi­risch psy­chologische Fach- und Problem­kenntnis ist so eine Beobachtung wie die letztere nicht möglich. Das einfache Wahrneh­mungsurteil «Es gibt Er­lebnisse beim Denken!» reicht dazu jedenfalls nicht aus, wie der Leser leicht verstehen wird. Und selbst die einfache Be­obachtung «Es gibt auch erleb­te Wirksamkeits­zusammenhänge im Denken!», was philoso­phisch bereits sehr an­spruchsvoll ist, kann mit ih­rer absch­liessenden Be­wertung unter Umstän­den jah­relang weiter ge­hen. Bei Jo­hannes Vol­kelt, der 1886 in der Schrift Erfah­rung und Den­ken etwa S. 81 auch nach Kausalzusam­menhängen in den Innenerlebnissen suchte, dau­erte es mehr als dreißig Jahre, bis er mit der Beobachtung in eine ge­wisse Nähe dessen gelangte, wie Sie seiner Schrift Gewißheit und Wahr­heit von 1918 ab S. 141 ff ent­nehmen können.

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Als erlebtes inneres Tun wird das Denken und seine Erkenntnis von Stei­ner auch in sämtlichen Frühschriften dargetan. Einschließlich Goe­thes Weltan­schauung von 1897 in ihrem dortigen Ka­pitel Die Meta­morphose der Welterscheinungen (hier S. 69 ff ). Wenn er in der Philo­sophie der Freiheit im Kapitel Die Konsequen­zen des Monis­mus, im zweiten Zu­satz von 1918 vom intuitiv erlebten Denken hier auf S. 181 schreibt, es ist «eine Wahrneh­mung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbe­tätigung, die zu­gleich wahrgenom­men wird», so kann man dasselbe als Sach­auskunft bereits 32 Jahre zuvor in Steiners Originalaus­gabe der Grundlin­ienvon 1886 im Rückblick von Kap. 15 (hier S. 56) respekti­ve im Kap 8 (hier S. 24 ff) nachlesen. Desgleichen in Wahrheit und Wis­senschaft, Kap. 4., hier S. 37. Die späteren Zusätze von 1918 zur Philo­sophie der Freiheit werden zwar gern von ihren Interpre­ten in­folge unge­nügender Werkkenntnis, und deswegen unberechtigt der späte­ren Anthro­posophie zuge­schlagen; die al­lerdings in diesem Begründungsbu­che laut Steiners Vor­rede zu GA-4 hier S. 5 und seiner dezidier­ten Aus­kunft in der späte­ren Geheimwissen­schaft (GA-13) hier S. 343 f gar nicht zu fin­den ist. Von wenigen Aus­blicken darauf abgesehen, die er in der Zweit­auflage der Philosophie der Freiheit in der Tat ja gibt. Davon abge­sehen aber findet sich die Passage mit der wahr­genommenen Selbstbetät­igung wie gesagt sach­lich bereits 32 Jahre früher in Steiners Grund­linienvon 1886, so daß wirklich niemand auf die spä­tere Anthroposo­phie «hin­schielen» (Steiner) muß, um die Philo­sophie der Frei­heit und ihre Dar­stellungen zur erlebten Denkbetätigung zu versteh­en und an­nehmbar zu finden. In der Regel aber werden Steiners Vorgängerschrift­en oder Goe­thes Weltanschauung leider kaum oder gar nicht zur wissenschaftlic­hen Analyse solcher Fra­gen um die Beobach­tung des Denkens herange­zogen. Obwohl Steiner den für jeden nachvollziehbaren Gesamt-Zusamm­enhang aller Grund­schriften in der Schrift Von See­lenrätseln (GA-21, S. 58 f) selbst ausdrücklich dargelegt hat.

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Die zum Begreifen des Denkens notwendigen beschreiben­den Be­griffe wiederum wer­den zumeist überhaupt erst ge­sucht, ganz analog wie man in der Biologie lange Zeit nach cha­rakteristischen morphologischen Kri­terien gesucht hat, um Bauprinzipien und Verwandt­schaftsbeziehungen von Lebewesen zu eruieren. Dieses "An­schauen" des Denkens unter be­schreibenden Ka­tegorien ist nicht etwa bloß metaphorisch zu nehmen. Es han­delt sich hier zwar um eine meta­phorische Übertragung aus der Sphä­re der gegenständ­lichen Beob­achtung in die der Denk-Beobach­tung, aber wenn wir uns klar machen, unter welchen erkenntnistheoretis­chen Bedin­gungen wir ei­nen herkömmlichen Gegenstand überhaupt er­kennend "an­schauen" können, dann müssen wir doch zuge­stehen, daß zu dieser er­kennenden Sin­nes-Anschauung deskrip­tive Begriffe / individua­lisierte Vorstellungen er­forderlich sind, die sich in diesem Fall eben auf norma­les Sinnliches beziehen. (Zur Beach­tung: Es geht um Anschauung und nicht lediglich um reine vi­suelle Erfahrungen, die völlig frei von Begrif­fen ist. Siehe dazu etwa: Der se­hende Blinde, in, Der Spie­gel, Nr. 47, 18.11.2002 S. 190 ff). Wenn uns die Tatsachen der sinnlichen Wahr­nehmung etwas sagen sollen, dann be­nötigen wir dafür nicht nur ihre rei­ne Wahrnehmung, sondern auch die dazu geltenden Begriffe. Beim un­mittelbar erfahre­nen / wahrgenommenen Denken verhält es sich nicht an­ders. Zum Begreifen des Denkens benötigt man ebenfalls Begriffe, die anhand konkreter Erfahrungen des Denkens gewonnen sind. Mit einem wesentli­chen Unter­schied. Bei der ge­wöhnlichen Sinnes­wahrnehmung und ihrer Erkenntnis ist der naive Rea­lismus auch von Steiner nicht zuge­lassen. Bei der Erkenntnis des Denkens ist er es gleichwohl (GA-4, Kap. V, hier, S. 71). - Dazu weiter unten noch.

Wenn wir das Denken "anschauen" oder "betrachten" wollen, dann benö­tigen wir verständ­licherweise auch dazu beschreibende Begrif­fe, die sich entspre­chend auf das Denken be­ziehen. Will man sich anhand konkreter Bei­spiele dieses "Anschauen" des Den­kens ver­deutlichen, dann kann man ohne weiteres auf Steiners epistemologisch-psychologische Be­schreibungen des Denkens zu­rückgreifen. Beispiele dieser Art wurden in dieser Ar­beit schon exempla­risch ange­führt, und das ließe sich natürlich fortführen und über Stei­ners Darstel­lungen hinaus erweitern. Wenn er beispielsweise in den «seelischen Beobachtungs­resultaten» der Philoso­phie der Frei­heit ausführt, daß sich das Denken nach Begrif­fen richtet und nicht nach den Zuständen der Hirn­physiologie, dann ist das eine ex­emplarische Beschreibung von Denkpro­zessen, die nur als seelisches Be­obachtungsresultat an fakti­schen Denk­prozessen gewonnen werden kann. Ein physikalistischer Hirnphysiologe wird so et­was nicht sa­gen, aber der beobachtet auch nicht sein Denken, selbst wenn er so etwas womöglich glau­ben soll­te. Sondern der redet dann lediglich wie ein Blinder über die Far­be, wie Stei­ner bemerkt.

Steiner verwendet für die Beschreibun­gen des erlebten Denkens auch den Aus­druck ideel­les Gegenbild. Etwa hier, S. 99 der Philosophie der Frei­heit, Kapitel VIII, Zusatz von 1918. Alternativ in GA-04, Dornach 1995, S. 142 f. Wobei der Ausdruck «Gegenbild» ver­schiedene semanti­sche Variationen in der Schrift annimmt. So spricht Steiner im Kapitel IX, hier S. 102 etwa auch von einem «leiblichen Gegenbild». Und in be­sonders bemer­kenswerter Form in Kap. VII, von den ideellen Gegenbil­dern für die Wahrnehmungen, hier auf S. 85. An jener Stelle insofern nicht nur bemerkenswert, da «die Individuen kommen und gehen, wäh­rend das scheinbar nichtssagende und unwirkliche ideelle Gegenbild der Tulpen­gattung sich als bleibend behauptet.» Bemerkenswert ist diese Passage Steiners vor allem auch, da er im Kapitel V (hier auf S. 71) im Gegensatz zu allen ande­ren Wahrnehmungsgegebenhei­ten ausdrücklich den naiven Realismus gegenüber dem Denken gelten läßt. Was er übri­gens schon in Wahrheit und Wissenschaft bemerkte (Kap. V, hier S. 40; a) alternativ die Disser­tation Kap. V, hier S. 29 f, wonach «die Wissen­schaft des Denkens in ei­ner Be­schreibung des Denkens bestehe» – also einen rein deskripti­ven Charakter habe. Was ja bereits einen naiven Rea­lismus des Denkens si­gnalisiert. Schon 1892 / 93 ist folglich der nai­ve Realismus des Den­kens die Basis und deskriptive Standardorientie­rung zwecks Er­kenntnis des Denkens. Das aber ist auch 1892 f alles nicht neu, sondern läßt sich bereits 1886 für die Grundlinienaufzeigen.

Die Metaphorik des "Sehens" findet sich überdies so eng verbunden mit Steiners Begriff der Denk-Beobachtung, daß man sicherlich von einer weitreichenden Überschneidung der Ausdrücke "Beobachtung", Be­trachtung" und "Anschauung" des Denkens ausgehen kann. - Am Rande ge­sagt wird diese Metaphorik des Sehens von Steiner auch in spezifisch über­sinnlichen Zusammenhängen, zwar nicht durchgängig, aber sicher­lich auch nicht zufällig beibehalten in Ausdrücken wie "Hellsehen" oder "Geist-Anschauung" usw. . Und das reine Denken selbst wird von ihm, wie er etwa in GA-35, 1984, S. 321 ausführt, ausdrücklich dem über­sinnlichen, schauenden Bewußtsein zugerechnet: "Meine früheren Schriften be­handeln das reine Denken so, daß ersichtlich ist, ich zähle dieses durchaus zu den Verrich­tungen des «schauenden Bewußtseins». Ich sehe in diesem reinen Denken die erste, noch schattenhafte Offenbarung der geistigen Erkenntnisstufen."

Steiner spricht im Zusammenhang mit dem Spaltungsargument des drit­ten Kapitels der Philosophie der Freiheit von ei­nem "Zusehen" beim ge­genwärtigen Denken, das nicht gleichzeitig möglich sein soll. Ferner ver­wendet er die Ausdrücke "Beobachtung des Den­kens" und «denkende Betrachtung des Denkens» - wie wir in Anmerkung 54 ge­zeigt haben - weitgehend synonym. Daher spricht einiges dafür, daß die­ses "Zusehen", das "Anschau­en", die "Betrachtung" und die "Beobach­tung" des Den­kens voneinander nicht allzu ver­schieden sind, sondern sachlich in etwa das­selbe meinen. - Auch in der englischen Über­setzung der Philosophie der Freiheit von Michael Wilson werden die Unterschie­de der Ausdrück "Zusehen" und "Beobachten" weitgehend aufgehoben. 107a - Anders ge­sagt: der Begriff der "Beobachtung" des Denkens rückt auch in eine deut­liche Nähe zum "Anschau­en" des Denkens und ist zu er­heblichen Teilen deckungsgleich zu ihm. Ein Unterschied mag darin lie­gen, daß der Beob­achtungsbegriff einen klaren wissenschaftlich-methodi­schen Akzent hat und der Anschauungsbegriff nicht.

Erinnern wir uns noch einmal: „Beobachtung und Denken sind die bei­den Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Menschen, insoferne er sich eines solchen bewußt ist.“ So erläutert Steiner (hier in der älteren Ausgabe der Philosophie der Freiheit von 1958 auf S. 23) die Grundbe­griffe von Beobachtung und Denken. Hinter dem Beob­achten steht er­klärtermaßen ein spezifi­sches Erkenntnisinteres­se. Bei Steiner ein "be­wußtes geistiges Stre­ben". Wohl­gemerkt: ein geis­tiges Streben, „insofer­ne er sich eines solchen be­wußt ist.“ Also steht da­hinter eine bestimmte Er­kenntnisabsicht bzw. eine Fra­gehaltung als Mo­tiv des geistigen Stre­bens, um das der Beobach­ter auch genau weiß. Was natürlich ebenso für jeden Beob­achter des Den­kens gilt, der das Denken erkennen will. Es wird dabei vorausge­setzt, daß der Beobachter des Denkens seine eige­nen Erkennt­nismotive auch kennt. Er muß demnach wis­sen, was er tut und war­um er es tut. Was, wie wir oben schon im Zu­sammenhang mit Chris­tian Cle­ment be­merkten, eben im Umkehrschluss heißt, daß man ohne bewusstes Er­kenntnismotiv bei der Beobachtung des Den­kens nicht weit kommt, da man ohne so ein klares Motiv gar nicht darauf ver­fiele eine Erkennt­nis des eige­nen Den­kens via Beobach­tung überhaupt zu erstre­ben. Eine voll­kommen motivlo­se, aber zielge­richtete wissenschaftli­che Beobachtung, zumal des Denkens, ist schlechterdings nicht möglich, sondern so realis­tisch wie eine Taschen­uhr ohne Zeiger, Uhrwerk und Gehäuse. Wie ge­sagt: Prüfen Sie das selbst, lieber Le­ser, ob dem so ist. Oder ob es mög­lich ist, ohne jedes Motiv das eigene Denken erken­nen zu wollen.

Ohne Motiv kommt man also nicht weit mit der Beobachtung des Den­kens. Eine andere Frage ist, ob man ohne eine adäquate Methode weit kommt. Das Erkenntnismotiv ist eine Sache und die Methode eine ande­re. Wenn man den Autoren der Würzburger Schule folgt, die ja am Be­ginn des 20. Jahrhunderts als erste in Deutschland die systematische ex­perimentelle Beobachtung Denkens akademisch etablierten, dann war die Lage um die beobachtende Erkenntnis des Denkens die, daß man es schon gern wollen wollte. Nur Können konnte man nicht. Weil es bis da­hin keine adaequa­te empirische Methode dafür gab. Nachzulesen ist das bei Karl Bühler in seiner um­fangreichen Habilitati­onsarbeit von 1907 / 08 gleich zu Be­ginn, S. 297 ff. Desglei­chen bei Os­wald Külpe, dem da­maligen Lei­ter des Würzburger Instituts, in einem historischen Über­blick über die Genese der modernen Denkpsy­chologie im Anhang seiner Vor­lesungen über Psy­chologie, ab S. 297 ff. Um nur exemplarisch diese zwei zu nen­nen. Was bei­de, Bühler und Külpe zusammen mit den ande­ren Beteilig­ten des Würzburger Instituts metho­disch vor­schlugen und in dieser Zeit etablier­ten, ent­sprach dem, was Ru­dolf Steiner schon 1886, also mehr als 20 Jahre vor ihnen die «gegenüberstell­ende Be­trachtung» oder Beob­achtung von Er­fahrungen des Denkens nannte. Mit dem we­sentlichen Unter­schied, daß die Würz­burger als erfahrene akade­mische Psy­chologen zur experimen­tellen Un­tersuchung im Labor vor al­lem mit pro­fessionellen Versuchs­personen ar­beiteten. Mit ausgebildeten Psycho­logen, die in der Selbstbeobachtung sehr erfahren waren. Ein Vor­schlag, den man dann ähnlich auch 1917 von Steiner in der Schrift Von Seelen­rätseln (GA-21) vorge­legt bekam, auf S. 170 f. Zwar nicht als aus­schließlich möglichen methodischen Ansatz, aber gleichwohl mit sehr großer Dringlichkeit vorgebracht, und in Anlehnung an die parallelen, aber erfolglo­sen Bemühungen Franz Brentanos um ein psychologisches Labor. So daß Steiner dort vom Wunsch nach ei­nem echten psychologi­schen Laboratorium spricht, «bei jedem, der auf dem anthroposophischen Gesichtspunkt steht.» Was wohl hinreichend für sich selbst spricht.

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Steiners Sprachgebrauch erscheint ja mitunter etwas vage, insbesondere mit Blick auf den Anschauungsbe­griff, wie wir in früheren Abschnitten schon be­merkt haben. Richtig spannend und sehr viel klarer wird es aber auf jeden Fall dann, wenn es um die eben genannte «ge­genüberstellende Be­trachtung» = Beobach­tung des Denkens geht. Hoch­interessant und er­hellend, weil sich das entsprechende me­thodische Verfahren seit 1886 unverändert und ganz explizit in Steiners Grund­schriften findet. Wonach es natürlich das Den­ken selbst ist, das sich denkend zwecks Erkenntnis be­trachtet und sich dazu seinen eigenen Denk-Erfah­rungen «gegenüber­stellt». Das kann auch gar nicht anders sein. Dazu kom­men wir nachfol­gend. Vorab aber noch ein illustrierender Aus­blick mittels späteren Aus­führungen des «Anthroposo­phen» Steiner dazu, was ein wenig die ausge­sprochene Kontinuität seines frühen Beobach­tungsprozederes be­leuchtet.

Am 15. Fe­bruar 1917 führte Steiner in Berlin mit ausdrück­lichem Blick auf das «gegen­überstellenende Betrachten und Erkennen des Den­kens» und im Zusammenhang mit der Behandlung des Psychologie-Pioniers Fechner in GA-66, Dornach 1988, S. 16 f folgendes aus: „Wer nicht nur in flüch­tigem Rückblick auf den Erkennt­nisakt auf das Den­ken hin­schaut, son­dern sich in die Lage versetzt, gewisserma­ßen von dem Denkakt zurück­zutreten, aber so, daß das Denken, das er im Erkennen pflegt, wie eine Art Erinnerungsvor­stellung so, daß sie genau beobachtet wer­den kann, vor der See­le steht; wer also nicht ver­harrt im Den­ken, wo man es nicht erkennen kann, sondern wer ge­wissermaßen vom Den­ken zurücktritt, der erkennt, daß er, indem er denkt, so in diesem Den­ken lebt, wie - um die­sen Vergleich, den ich hier schon öfter brauch­te, noch einmal zu brau­chen - man in sich lebt, wenn man vor einer Spiegelfläche steht.“ - Mit seiner Spiegelmetapher werden wir uns hier nicht befassen, sondern nur mit dem Erkenntnisprozedere, welches auf die Er­kenntnis des Denkens gerichtet ist. Dieses Erkenntnisprozedere, und so viel geht aus der Passa­ge von 1917 hervor, benötigt zwei Denkschritte in Form ei­ner gegenüber­stellenden Betrachtung. - Wobei nicht zu vergessen ist, daß es das Den­ken selbst ist, mit dem sich der Denker einem vergange­nen Denken ge­genüberstellt, um es zu erkennen. Er hat es hier folglich nicht nur mit ei­nem vergangenen Denken zu tun, das er betrachtet. Son­dern auch mit dem erlebten gegenwärtigen, mit dem er diese erkennende Betrachtung vornimmt.

Wenn man nur im Denken verharrt, so Steiner, dann kann man es nicht erkennen. Sondern man muß vom Denken zurücktreten, so daß man es wie eine Art Erinnerungsvorstellung vor sich hat. Dann erst ist diese Er­kenntnis möglich. - «Betrachtende oder denkende Gegenüberstellung» lautet das entsprechende methodische Erkenntnisprinzip, das sachlich seit 1886 in den Frühschriften Steiners zur Erkenntnis des Denkens ausge­führt wird. Was sich 1917 immer noch bei Steiner findet. (Sehr viel aus­führlicher siehe dazu hier auf der­zeit S. 1237-1243.) Beginnend aber be­reits mit den Grundlinien … von 1886, im vierten Kapitel hier auf S. 11 f. Es ist das Denken, das sich den eigenen Denkerfahrun­gen betrach­tend ge­genüberstellen muß, um sich selbst zu erkennen. Oder unverfänglicher gesprochen, und weil das Erkennen ja seine ganz persönliche Erkenntnis-Angelegen­heit ist: Der Denker stellt sich denkend den Erfahrungen des eigenen Denkens gegen­über, um es zu er­kennen. Man darf ergänzen, daß es sich hier um eine be­gründende er­kenntniswissenschaftliche Me­thode handelt, die laut Stei­ners häufigen Erläuterungen den empirischen Nach­weis des schauenden Bewußtseins und der Leibfreiheit des begriffli­chen Denkens, - was bei­des zusammengehört, - erbringen sollte. So wird auch sein La­borwunsch von 1917 in der Schrift Von Seelenrätseln vorge­bracht, wo es um die «Veranlagung zum Schauen» geht. Und die Veran­lagung zum schauen­den Bewußtsein liegt nun einmal im begrifflichen Denken einschließlich jener inneren Produktivi­tät, ohne die es kein be­griffliches menschliches Denken bei Steiner gibt. In der spezi­fisch an­throposophischen Methode, die auf der frühen For­schung auf­baut, wie Sie hier in GA 255b ab S. 295 ff anschaulich lesen können, werden die Verhältnisse noch wesentlich komplexer.

«Aus­nahmezustand» nennt Steiner das Forschungsverhalten der Beob­achtung des Denkens wiederholt in der Philosophie der Frei­heit, was sach­lich dasselbe bedeutet: Nämlich sich in Erkenntnisab­sicht den (eige­nen) Denkerfah­rungen betrachtend gegenüber zu stellen, um es zu be­greifen. Und dabei kommt es zu einer einzigartigen erkenntniswissen­schaftlichen Sachlage, die es nirgendwo sonst gibt. Wahrnehm­ung und Begriff fallen bei der Erkenntnis des Denkens zusammen, wie Stei­ner in der Philoso­phie der Freiheit am Beginn des 9. Kapitels, hier Seite 101 f ausführt. Und nicht nur das, sondern der Mensch erlebt dabei laut Steiner auch ei­nen Zusammenhang von Wirkendem und Bewirktem, der eben­falls in dieser Form und Sicherheit einzigartig ist im menschlichen Er­kenntnisleben. Weswegen Steiner darauf im dritten Kapitel das Funda­ment der Welterklä­rung gründet.

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Zwei Dinge sind nun zu beachten, wenn es um das «Zusammenfallen von Wahrnehmung und Begriff» geht: Zunächst einmal ist da die Tatsache zu beachten, dass auch Begriffe und Ideen für Steiner geistige Wahrneh­mungsgegebenheiten sind. Das Denken als Auffas­sungsorgan nimmt be­kanntlich Ideen wahr «wie das Auge das Licht», wie der Leser in GA-1 nachlesen kann. Das alles darf inzwi­schen als be­kannt vorausgesetzt wer­den. Näheres und ausführlicher dazu auch hier. Die Wahrnehmung ist in­haltlich in diesem Fall etwas rein Be­griffliches, Ideelles. Und inso­fern ist es selbstverständlich zu sagen, daß Wahr­nehmung und Begriff zusam­menfallen. Inso­fern der Begriff eben als Wahrnehmung / Inhalt des wahr­nehmenden Denkens («intellektu­elle Anschauung» laut GA-3, Kap. IV, S. 37) auftritt. Wo aber in diesem Frühwerk (GA-3) bereits die Wahrneh­mung der eigenen Denktätigkeit gleichzei­tig auf dieser S. 37 be­reits ge­nannt wird. So daß wir da schon zweierlei Wahrnehmun­gen beim reinen Denken vorliegen ha­ben. Einer­seits den begriff­lichen Inhalt, und anderer­seits das eigene den­kende Hervorbrin­gen dieses begriffli­chen Inhalts. «Wirkendes und Bewirktes», wie Steiner bereits 1886 schreibt. Steiner ist da auch ganz und gar unmissverständ­lich im nachfolgenden Frühwerk von 1892 / 93. Und - das ist eben hervor zu heben: Das war er bereits 1886 schon, rund sechs Jahre zuvor. Ist es 1894 in der Phi­losophie der Freiheit immer noch. Wird es auch 1897 in Goethes Welt­anschauung bleiben. Und für den späteren Anthroposophen gilt nichts anderes, wenn der auch die Ver­hältnisse dann sehr viel kom­plexer darlegt als in seinem Frühwerk. Die spätere Erkenntnismethode der Anthroposophie reift ja erst heran auf der Grundlage der Frühschrif­ten, wie Steiner immer wieder beteuert. Für die Idee des Erkennens wie­derum hat er in den Anmerkungen von 1924 der Grundlinieneigens (hier auf S. 136 ff) hervorgehoben, daß diese Idee des Erkennens prinzi­piell auch für die anthroposophische Form des Er­kennens gilt: „Ein Unter­schied tritt nur insofern auf, als die Sinneswahrn­ehmung durch den Ge­danken gewissermaßen nach oben zum An­fang des Geistigen hin in Wirklichkeit vollendet, die geistige Anschau­ung von diesem Anfang an nach unten hin in ihrer wahren Wesenheit er­lebt wird. Daß das Erleben der Sinneswahrnehmung durch die von der Natur gebil­deten Sinne, das der Anschauung des Geistigen durch die erst auf seeli­sche Art ausgebil­deten geistigen Wahrnehmungs­organe ge­schieht, macht nicht einen prin­zipiellen Unterschied. [] In Wahrheit ist in meinen späte­ren Veröffentli­chungen kein Verlassen der Idee des Erkennens vorhan­den, die ich in dieser Schrift ausgebildet habe, sondern nur die Anwen­dung dieser Idee auf die geistige Erfahrung.“

Vom letzten Hinweis Steiners jetzt abgesehen: Es ist auf jeden Fall der Umstand zu beachten, daß das indi­viduelle Den­ken als Erkenntnishand­lung und inneres Tun selbst eine Wahrnehmungs­gegebenheit für sich ist. Wahrnehmungsgegebenheiten sind sowohl das begriffli­che Element, als auch die eigene Aktivität, die dabei zum Einsatz kommt. Auch dazu aus­führlicher hier. Insofern bedeutet die Wahrneh­mung des Denkens er­kenntnistheoretisch und mit Blick auf Stei­ners Grund­lagen eben nicht le­diglich dasselbe wie die Wahrnehm­ung von tä­tig hervorge­brachten Be­griffen und Ideen. Sondern die innere Tätigkeit als sol­che tritt als weitere Wahrnehmung hinzu. Worauf Steiner ausdrück­lich auch hin­weist mit der Be­merkung hin­sichtlich seiner Dif­ferenz zu Hegel, ein­gangs von Kapitel IV der Philo­sophie der Freiheit, (hier S. 57 f; alterna­tiv hier S. 38)

So schreibt er dort bezüglich seiner Differenz zu Hegel: Ich muß ei­nen besonderen Wert dar­auf legen, daß hier an dieser Stelle beachtet wer­de, daß ich als meinen Ausgangs­punkt das Denken be­zeichnet habe und nicht Begriffe und Ide­en, die erst durch das Denken gewonnen werden. Diese setzen das Den­ken bereits voraus. Es kann daher, was ich in bezug auf die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens ge­sagt habe, nicht einfach auf die Begriffe übertragen werden. (Ich bemerk­e das hier aus­drücklich, weil hier meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ursprüngliches.)“. - So Stei­ner dazu. Nur das Den­ken ist in sich selbst ruhend und durch nichts be­stimmt. Begriffe und Ide­en, die erst durch das Denken gewonnen werden müssen, sind es nicht. Da­mit ver­schiebt sich bei Stei­ner im Vergleich zu Hegel der empi­rische Fo­kus des Erkenntnisinteresses auf jenen «Pro­zess», durch den Begriffe und Ideen erst gewonnen wer­den. Das aber ist bereits 1886 in den Grundlini­ender Fall. Nachzule­sen dort in Kapitel 8, im Kapitel 16 und im Psycholo­giekapitel 18. Der erlebte Prozess wiederum, durch den Begriffe und Ide­en erst gewonnen werden, ist aber «auch der­selbe er­lebte Prozess, durch welchen das Denken selbst beob­achtet, erkannt und be­griffen wird».

Es ist dies ein ganz maßgebliches Unterscheidungsmerkmal Steiners ge­genüber Hegel. Der Untersu­chungsstandort Steiners ist damit ausgespro­chen empirisch, induktiv und sehr viel basaler als der­jenige Hegels. Wer näm­lich den Produktionsprozess von Be­griffen und Ideen unter­sucht, der unter­sucht natürlich nicht vornehm­lich Begrif­fe und Ideen meinetwegen auf ihren logischen Zusammenhang oder ihre Reichweite und Geltung hin, sondern vor allem induktiv auf empirischem Wege die Art, wie sie im menschli­chen Be­wusstsein erschei­nen / zur Erscheinung gebracht wer­den. Und wie in diesem Fall «Wir­kendes», - das ist der Pro­zess, - und «Be­wirktes», - das ist das Resultat dieses wirkenden (Erkenntnis) - Pro­zesses miteinander zu­sammenhängen. Das aber ist für Steiner vor­rangig auch eine An­gelegenheit einer komplementären Naturforschung, die sich durch sämtliche seiner Begründungsschriften hinzieht.

Letzteres, der «Pro­zess», durch den Begriffe und Ideen erst gewonnen wer­den, bzw. - der erlebte Zusammenhang von Wirkendem und Bewirk­tem, - ist eine ge­nuin na­turwissenschaftliche Fragestellung, die Steiner als sol­che bereits in den Grundli­nienim Zu­sammenhang mit Kant im Kapi­tel 14 behan­delt. Wobei wiederum das Prozedere des individuellen Den­kens als innere Aktivi­tät oder «Wirkendes» ein psy­chologisches ist, wie wir in den Grundlinien ... auch schon gehört ha­ben. Dort im Ka­pitel 18 über das psycho­logische Erkennen. Wonach es vor al­lem darauf ankä­me den Men­schen als einen Tätigen zu begreifen. Oder wie Steiner dort auch (S. 120) sagt: „Die ein­heitliche Seele ist uns ebenso erfahrungsgem­äß ge­geben wie ihre einzelnen Hand­lungen. Jedermann ist sich dessen bewußt, daß sein Den­ken, Fühlen und Wollen von sei­nem «Ich» ausgeht. Jede Tä­tigkeit unse­rer Persönlichkeit ist mit diesem Zen­trum unseres Wesens ver­bunden. Sieht man bei einer Handlung von die­ser Verbindung mit der Persön­lichkeit ab, dann hört sie überhaupt auf, eine Seelenerscheinung zu sein. Sie fällt entweder unter den Begriff der unorganischen oder der or­ganischen Natur. Liegen zwei Kugeln auf dem Tische, und ich stoße die eine an die andere, so löst sich alles, wenn man von meiner Absicht und meinem Wollen absieht, in physikalisches oder physiologisches Gesche­hen auf. Bei allen Manifestationen des Geistes: Denken, Fühlen, Wollen, kommt es darauf an, sie in ihrer Wesenheit als Äußerungen der Persön­lichkeit zu erkennen. Darauf beruht die Psycholo­gie.“ Auf der anderen Seite ist dort (S. 118) wiederum die Psychologie «die erste Wissenschaft, in der es der Geist mit sich selbst zu tun hat». Wenn Steiner in den An­merkungen von 1924 (hier S. 142) darauf hin­weist, daß er sich sei­nerzeit unter der «Psycholo­gie» sehr viel Wei­teres vorgestellt habe, was später Thema seiner anthroposophischen For­schung wurde, dann min­dert das natürlich nicht den Wert seiner frühen psycho­logisch orientier­ten Grund­lagenforschung, sondern zeigt nur, wo sie hin führt. Zu­dem gibt es da ja auch die Tatsache, daß sich Steiner 1917 in der Schrift Von See­lenrätseln (GA-21, S. 171 f) eindringlich ein psychologisches Labo­ratorium wünschte, um dort die «Veranlagung zum Schauen» gründ­lich weiter zu erarbeiten. Was natürlich ganz unmissverständlich nicht nur die Kontinuität seines Anliegens von 1886 demons­triert, son­dern auch das Faktum, welche Rolle er dabei einer ganz normalen empir­ischen Psycho­logie der inneren Beobachtung beilegte, die es 1886 freilich in der von ihm 1917 gedachten institutionalisierten Form «nach dem Vorbild der Wünsche Brentanos» noch gar nicht gab.

Die «in sich selbst ruhende Tatsache des Den­kens» hat etwas mit dem Produktions­prozess von Begriffen und Ideen zu tun. Was wie gesagt be­reits ein The­ma der Grundlini­envon 1886 im Kapitel 8 ff ist. Das, um es noch einmal zu betonen, hat natürlich eine psycholo­gische Dimension, die von Steiner genauso, und zwar im Psychologiekap­itel 18. der Grund­linien ..., (hier S. 118 ff) erläutert wird. Dahin­gehend, daß «die Psycholo­gie die erste Wissenschaft sei, in der es der Geist mit sich selbst zu tun habe». Und man nur eine «wahrhafte Psycho­logie gewinnen kön­ne, wenn man auf die Beschaffen­heit des Geistes als eines Tätigen ein­geht» (S. 120). Wenn die Philoso­phie der Freiheit später als «seelische Beobach­tungsresultate» gekennzeichnet wird, dann ist das nicht nur aus sachli­chen Gründen zu verstehen, son­dern auch aus der werk-genetischen Per­spektive. Und ebenso ist es zu verstehen, wenn Steiner im zweiten Kapi­tel der Philosophie der Freiheit die Naturwirksamkeit im menschlichen Inneren sucht. (Siehe hier S. 20 f.)

Solche Fragen des Erkennens und der damit verbundenen «Naturwirk­samkeit» hängen natürlich als grundlegende Er­kenntnisfragen im emi­nentesten Sinne mit einander zusammen. Dahingehend: Wer oder was er­wirkt eigentlich mein Erkennen? Ist das bereits ein kausal naturdeter­minierter Prozess? Einer, der sich mit zwanghafter Naturnotwendig­keit vollziehen muß? - Eine häufig aufkommende Frage, wie nicht nur am primitiven Physikalis­mus zu sehen ist, der alles Denken und Er­kennen auf rein physikalische Natur­wirksamkeiten bzw. auf die Hirnphysiolo­gie zurückführen möchte, aber um plausible empirische Begrün­dungen dafür im höchsten Maße verle­gen ist. Insofern, als er darauf ein Kausalit­ätsprinzip zur Anwen­dung bringt, das er als solches nie sicher bele­gen kann, wie Steiner im Kapitel 14 der Grundlinien ... im Zusammen­hang mit Kant erläutert. Während einzig im Denken der Zusammenhang von Wirkendem und Be­wirktem unmittelbar und sicher erkenntniswis­senschaftlich greifbar ist: „Wir erinnern uns, warum eigentlich das Den­ken in unmittelbarer Erfah­rung bereits sein Wesen enthält. Weil wir in­nerhalb, nicht außer­halb je­nes Prozesses stehen, der aus den einzelnen Gedankenelementen Gedan­kenverbindungen schafft. Dadurch ist uns nicht allein der vollendete Pro­zeß, das Bewirkte gegeben, sondern das Wirkende.“ So heißt es gleich im Folgekapitel 15 der Grundlinien, gleich im Anschluß an die Auseinan­dersetzung mit Kant.

Wer das Denken beobachtet, der beobachtet also nicht nur Begriffe und Ideen für sich genommen, sondern vor allem auch den Prozeß des Den­kens selbst. Der von Steiner schon im Kapitel III der Philosophie der Freiheit zur allerwichtigsten Beobachtung erklärt wird, die der Mensch machen kann. Es ist die Beobachtung der produktiven Art und Weise, wie Begriffe und Ideen ge­wonnen werden, um bei Steiners Hegel-Bemer­kung von oben zu blei­ben. Und das wiederum ist jener seelisch / geistige Prozess, der schon 1886 in den Grundlinienbeson­ders nachdrückl­ich im Kapitel 15 von Steiner in Erinnerung gerufen wird. Weil nämlich in die­sem Pro­zess Wirkendes und Bewirktes in ihrem erlebten Zusammen­hang vorliegen: „Wir er­innern uns, warum ei­gentlich das Denken in un­mittelbarer Er­fahrung be­reits sein Wesen enthält. Weil wir innerhalb, nicht au­ßerhalb je­nes Pro­zesses ste­hen, der aus den einzel­nen Gedanken­elementen Gedankenverb­indungen schafft. Da­durch ist uns nicht allein der voll­endete Pro­zeß, das Bewirkte gegeben, sondern das Wir­kende.“ So Steiner im Kapitel 15 hier auf S. 86. Wohlgemerkt, auch das Wirkende ist bereits 1886 «gegeben».

Dass so etwas frei­lich auch ein Thema der «Psychologie von Bewußt­seinsakten» im aus­gehenden 19. Jahr­hunderts und darüber hinaus war, will ich hier nur mehr andeu­ten. Im Zusammenhang mit Oswald Külpe, der solche inneren Wirksamkeiten suchte und beobachtete, haben wir es ja vorhin schon kurz zum Ausdruck gebracht. In dieser philosophisch-psycho­logischen Tra­dition, die nach erlebten inneren Wirksamkeiten sucht, ist Stei­ner als Vertreter des naturwissenschaftlichen Idealismus natür­lich ebenfalls anzu­siedeln. Und zwar nicht nur via Fichte, wie der Le­ser in einer längeren Un­tersuchung hier auf meiner Webseite aus­führlich stu­dieren kann. Steiner war mit seinem Begründungsvorhab­en auch einge­bettet in eine philosophische Strömung des Empirismus, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, das seit Kant und Hume als empirisch un­lösbar gelten­de Kausali­tätsprinzip / besser wohl: deren Kausalitätsprob­lem auf dem Wege der in­neren Beob­achtung zu bewältigen. Wo Kant an Stelle einer empirischen Ant­wort auf die­ses Grundlegungs-Problem al­ler Naturwissenschaften eine le­diglich metaphysische gab, wie er hier in seinen Pro­legomena in der Vorrede ab S. 6 eigens im Zusammenhang mit David Hume erläutert. Das wie­derum war für viele Empi­risten, und eben auch für Steiner ein völlig unmöglicher Lö­sungsweg für die empi­rische Erkennt­nis der Welt. Näm­lich ihr funda­mentales Prinzip der na­turwissenschaftlichen Kausaler­kenntnis lediglich metaphysisch schein­begründen, aber nicht empirisch und sachlich be­gründen zu können. Wovon das Kapitel 14 der Grundli­nienbereits besonders deutlich zeugt, mit sei­nem kriti­schen Hinweis auf den Dog­matismus der Offen­barung und der Erfah­rung, «die an die Sache nie her­ankommen». Des­wegen bei Steiner die regelmäßige Beto­nung des erleb­ten Zusammen­hangs von Wirken­dem und Bewirktem re­spektive der er­lebten inneren Aktivität des Den­kens seit 1886, was ja dann im dritten Kapitel der Phi­losophie der Frei­heit zur «al­lerwichtigsten Beob­achtung wird, die der Mensch machen kann.» - Man möchte angesichts der Rezeptionslage um Steiners Begründungswerk ergänzend hinzufügen: Zur allerwich­tigsten Beobachtung des Menschen wird, sofern er sich die­ses Problems von Kant und Hume bewußt ist! Was eben bei den anthro­posophischen Interpreten in den allerseltensten Fällen der Fall ist. Wes­wegen diese Beobachtung der Philosophie der Freiheit inzwischen ein regelrechtes Mauerblümchen­dasein fristet, und oft auch schon gar nicht mehr von den Interpreten der Anthroposop­hen erwähnt wird, wie etwa von Heus­ser oder Wagemann, Förster (letz­terer auch hier) und anderen, die von Stei­ners Grundlagen, und spezi­ell von solchen Zusammenhängen der «aller­wichtigsten Beobach­tung» mit Humes und Kants Kausalitätspro­blem herzlich wenig versteh­en. Sie können damit schlicht nichts anfan­gen, weil sie die ent­sprechenden Zu­sammenhänge mit Steiners Früh­werk gar nicht kennen. Und demgemäß auch weitestgehend entleert sind von Steiners eigenen zum Verständnis unerlässlichen Grundlagen, trotz aller mitunter hochtönen­den Ankündi­gungen diesbe­züglich.

Für eine Erkenntnistheo­rie wieder­um, die für alles Erken­nen gilt, wie diejeni­ge Stei­ners, ist es allerdings leicht nachvollziehb­ar, daß Steiner sich be­reits im Kapi­tel 14 der Grund­linienvon 1886 (hier S. 81 ff) mit Blick auf Kant das Kau­salitätsproblem vor­genommen hat. Da geht es nämlich nicht min­der um den erlebten Zusam­menhang von Wirken­dem und Be­wirktem. Folg­lich hatte Steiner sehr gute Gründe dafür, einen kri­tischen Blick in dieser Fra­ge auf Kant zu werfen. Siehe dazu auch meine längere Studie. Dort etwas kürzer gefasst speziell auch im Exkurs ab derzeit S. 1219 ff.

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Eine zusätzliche Bemerkung noch zu diesem zurückliegenden Ab­schnitt: Für den gewöhnli­chen Be­obachter des Denkens dürfte es nicht allzu schwierig sein, Stei­ners grundle­gende Gedankengänge zur metho­dischen Beobach­tung des Den­kens in Form der «gegenüberstellenden Betrach­tung» nachzuvollzieh­en, wenn er dessen Frühwerk hinreichend sorgfäl­tig stu­diert. Et­was anders ist, wie wir sehen, die Sachlage, wenn es um Stei­ners philoso­phisch – naturwissens­chaftliche Hintergründe und Konklu­sionen seiner Beob­achtungen geht. Hier ist die Haupt-Sache eben die, daß man schon «philo­sophischer Beobacht­er» sein muß, wie Steiner das in GA-30, S. 69 ff; insbes. auch S. 83 f speziell mit Blick auf Goethe nannte. Man muß die Beobachtung auch mit entsprechenden philosophischen Kernfragen in Verbindung bringen können und wollen. Und das gilt natürlich auch für Steiner selbst, der seine «philosophi­schen» Be­gründungsschriften niemals ohne den naturwis­senschaftlichen Blick auf die Begründungs-Schwach­stellen des Empiris­mus verfasste, wie man an sei­ner Behand­lung Kants nicht nur im Kapi­tel 14 der Grundlinien ... sieht. Was man am Projekt der «Kant-Über­windung» in der Schrift Wahrheit und Wissenschaft ebenso sieht. Des­gleichen an den «seelischen Beob­achtungsresultaten nach naturwissen­schaftlicher Me­thode» in der Philo­sophie der Freiheit, wo das im Untertitel von 1918 eigens noch einmal hervorgehoben wurde.

Der «ge­wöhnliche» Beob­achter des Denkens kommt ohne wissen­schaftsgeschichtliche Kenntnis der Kernprobleme des Empiris­mus na­türlich nicht so ohne weite­res auf jene fundamentalen naturwissen­schaftlichen Kon­fliktfelder, die sich um die Kausalerklärung ran­ken, wenn er keine ent­sprechenden wissen­schaftsgeschichtlichen Erfahrung­en mit­bringt. Er sieht dann die Verbindungen zwischen der erlebten Denk,- und Erkenntnistätigkeit, Steiners «allerwichtigster Beobach­tung», und der Lösung des Kausalproblems nicht, ob­wohl es in beiden Fällen um den Zusammenhang von Wirkendem und Bewirktem geht. Beim Denken und Erkennen ebenso wie in der Natur­wissenschaft. So daß der wissenschaftshistorisch Unerfahrene folglich nicht erkennt, daß das na­turwissenschaftliche Kau­salproblem Kants auch ein unmittelbar zu beantwortendes jener empirisch psy­chologisch orien­tierten Erkenntnistheorie Stei­ners ist, die auf der inneren Tätigkeit des Denkens und Erkennens auf­baut. Wo sich ganz naturgemäß die Fra­ge nach dem erlebten Zusammen­hang von Wirkendem und Bewirktem stellt: Dahingehend: Wer oder was erwirkt eigentlich mein Denken und Erkennen?

Und erst recht nicht kommt der Unerfahrene darauf, daß die genannte Problem­zone des Empiris­mus in der Stein­erzeit re­gelmäßig, und nicht nur von Steiner auf­gegriffen wur­den. Und dann ebenfalls kon­struktiv mit empi­risch psychol­ogischen Mit­teln. Das alles liegt auch den heuti­gen Anhängern Steiners in der Regel völlig fern, selbst wenn sie vielleicht akademisch wie etwa Eckart Förster noch so sehr als Spezia­listen aus dem deutschen Idealismus stammen. Ein anthropo­sophischer Interpret arbeitet sich dann auch wie Reto Sa­voldelli 2019 hoff­nungslos an sol­chen Grund­werken Steiners ab, ohne den leistesten Schimmer zu haben, wor­um es da über­haupt in empirist­isch / naturwis­senschaftlicher Hin­sicht geht. Inzwischen hat Savoldelli seinen Artikel zwar mit Stand vom 10. April 2020 überar­beitet. Verstan­den davon hat er aber immer noch nichts, sonst würde er seine abstrusen Hymnen auf die para­doxe Verbin­dung zu Witzenmanns Strukturphäno­menologie nicht sin­gen. (Siehe dazu ausführlicher auf un­serer Webseite auch hier ab S. 771.)

So ein Interpret kommt dann eben auch als Anthropo­soph nicht dar­auf, daß und warum Steiner die Beobachtung des eigenen Denkens die «al­lerwichtigste» nennt, «die der Mensch machen kann». Er kommt auch nicht darauf, warum Steiner bei der Beobachtung des Den­kens nicht nur «das Weltge­schehen beob­achtet», sondern es sogar «durchschaut», wie es in Goethes Weltan­schauung (1897, S. 69 f) heißt. Dem Interpreten ist ein­fach nicht klar, daß der­jenige das Weltgeschehen grundsätzlich nie durchschauen kann, wer «an die Sache gar nicht herankommt», sprich: an den erlebten Zusammenhang von Wirkendem und Bewirk­tem, wie es Steiner im Kapi­tel 14 der Grundli­niengegenüber Kant geltend mach­te. Was auch für Witzenmann galt, der seinerseits und erklärtermaßen «an die Sache nie her­an kam». Denn wer den erlebten Zusam­menhang zwischen Wir­kendem und Bewirk­tem beim Denken grundsätzl­ich nicht auf der unmittelbaren Erfah­rungsebene erreicht, son­dern ihn sogar wis­senschaftsphilosophisch in Abrede stellt, und obendrein auch noch die verschrobene Fra­ge, «Wie kann Unbeob­achtbares zur Erinnerung wer­den?» zur «erkennt­nistheoretischen Grund­frage» erklärt (Witzenmann, hier, S. 356, S. 386, S. 397), der hat im Kern und speziell an dieser er­kenntniswissenschaftlichen und natur­wissenschaftlichen Schlüsselstelle jede Verbin­dung mit Steiner verlo­ren. Da fehlt jeder Durchblick und jeder Einblick in Stei­ners An­liegen. Als Interpret Stei­ners hat er nicht einmal Steiners Grund­frage der Erkennt­nistheorie gefaßt, die da lautet: «Was ist Erkennen?» (Siehe GA-1, S. 143; GA-1, S. 157 f; S. 195 f ; GA-2, S. 137 f)

Wie wir sehen, hat im Falle Witzenmanns die aus einem Interpretations­irrtum der Denkbeob­achtung er­wachsene Ent­gleisung weder mit Stei­ner sach­lich irgend etwas zu tun, noch weiß Witzenmann über­haupt wor­um es diesem in den Frühschrif­ten mit der Beobachtung des Den­kens ging. Nicht zuletzt, weil schon das ganze Prozedere dieser Beob­achtung ihm ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist, wie insbesondere aus dem en­geren Kontext von Witzen­manns Goethebuch ersichtlich wird, aus dem heraus er seine verstiegene «Grund­frage» entwickelt hat. Wo ja der un­verstandene Steinersche Be­griff der «Denkbeobachtung» den Nährbo­den dieser «Grundfrage», «Wie kann Unbeob­achtbares zur Erin­nerung wer­den?» bildet. Ohne daß beim Verfasser Witzenmann das Be­mühen erkennbar wäre, auch nur einen Funken Problemlösungs-Recher­che in Steiners restli­che Frühschriften zu investieren, um das von Stei­ner Gemeinte zu begreifen. Weil Wit­zenmann das nie ver­standen hat, aber über ein hin­reichend ausgeprägtes Potential zur Selbst­blendung über die ei­gene in­tellektuelle Grösse verfügte, hielt er sich für beru­fen, anlässlich seines per­sönlichen Denk-Beobachtungsproblems und fern von jeder gründli­chen quellenbasierten Pro­blemrecherche, die auch Steiners restli­che Grund­werke sorgsam einbezieht, eine eige­ne «erkenntnistheoreti­sche Grund­frage, Wie kann Unbeobachtbares zur Erinnerung werden?» vor sei­nen anthroposophi­schen Anhän­gern aufzubaue­n, die im Verhält­nis zu Steiner, zu dessen Vorhaben und zu dessen Begründungen entle­gener, einfälti­ger und destruktiv­er kaum sein könnte: Ein einzigartiges Debakel der anthroposophischen Bewegung, der Steiner-Interpretation und der Steiner-Rezeption! Ausgelöst von einem intellektuellen Gross­gimpel in dieser Bewegung, der es in seiner Selbstblendung schlichtweg nicht für nötig hielt, Steiners Früh­schriften einmal sorgsam zu studieren. Wie wir es heute auch weithin vergleichbar sehen, wo sich akademische Welterklärer über Steiners Werk hermachen. Daß so ein gründlich ent­gleister und in seiner Selbstüberhebung abges­türzter Stei­ner-Interpret wie Witzen­mann dann na­türlich auch das Weltgesche­hen nicht durch­schaut, von dem er nicht ein­mal wusste, was Stei­ner über­haupt da­mit meinte, das versteht sich von selbst. Auch Wit­zenmann kam wie Kant «an die Sache nie her­an», um mit Steiner zu sprechen. Das ist na­türlich trivial und gilt eben auch für das Den­ken und sein Erkennen.

Im Gegensatz dazu kommt der­jenige aber «an die Sa­che her­an», der Wirkendes und Bewirk­tes in ihrem Zusam­menhang unmit­telbar er­lebt. Das ist ebenso trivial. Dass er dann als Be­obachter dieses Ge­schehens zugleich auch das Weltgesche­hen durch­schaut, liegt in der Natur dieser Sache, bleibt aber in aller Re­gel einem Steinerinterpreten (und nicht nur Savoldelli) ein Buch mit sie­ben Sie­geln, weil er die ganzen philosophi­schen Zusam­menhänge und Lösungs­bemühungen um das Kausalitäts­problem nicht kennt. Und dem­zufolge auch die denk-psychologischen Lösungsbemühungen Steiners nicht versteht, weil er sie mit den paralle­len Bemühungen von Steiners Zeitgenossen zudem auch nicht in Ver­bindung zu brin­gen vermag. Die entspre­chende Pro­blemgeschichte der naturwissen­schaftlichen Kau­salerkenntnis muß er sich erst geson­dert an­eignen, um die natur­erklärende Reichweite der Beobacht­ung des Den­kens in Stei­ners frühen Begründungsschriften verste­hen zu kön­nen.

Es geht dabei aus­nahmslos immer auch um das neuzeitliche Kausalitäts­problem und dessen Lösung, wie man schon eingangs der Philoso­phie der Freiheit gleich im ersten Kapitel, und ebenso ein­gangs ihres dritten Kapitels zu lesen bekommt. „Ist der Mensch in sei­nem Denken und Han­deln ein geistig freies Wesen oder steht er unter dem Zwange ei­ner rein naturgesetzlichen ehernen Notwendigkeit?“ So fragt ihr Verfas­ser direkt zu Beginn des Werkes im Kapitel I. Was dann auf den ersten Sei­ten ihres dritten Kapitels in etwas veränder­ter Form und mit einem Blick auf den physiologischen Psychologen Theodor Ziehen neuerlich vorge­bracht wird. Nur können sich anthroposophi­sche und andere Inter­preten in der Regel darauf kei­nen Reim machen, weil sie die neuzeitliche Pro­blemgeschichte der em­piristischen Kausaler­klärung eben nicht kennen. Auch nicht die Tatsache, daß man zu Stei­ners Zeit dieses Problem ana­log wie Steiner auf dem Wege der inneren Beobach­tung auf empirisch psycholo­gischem Wege zu lösen suchte. Zu­mal als In­terpreten können sie so et­was erst recht nicht begreifen, wenn sie dann auch noch im Vor­feld dessen am Verständnis der Beob­achtung des Den­kens ge­hindert wer­den, und vor der Frage ste­hen, wie jemand das Welt­geschehen durch­schauen kön­nen sollte, wo er doch noch nicht einmal das aktu­elle Den­ken laut Stei­ner beob­achten kann. Wo es dann eben darauf an­kommt, was Steiner un­ter einer Beob­achtung des Denkens überhaupt versteht, damit solche Miß­verständnissse nicht aufkommen, und der In­terpret womöglich glaubt, daß man das unbeob­achtbare ge­genwärtige Denken womöglich auch gar nicht erfah­ren kann. Siehe Wit­zenmann! - Auch bei Anthropo­sophen ist das eine re­gelmäßig und häu­fig anzutref­fende Fehlinterpreta­tion. Daß ih­nen damit und bei all ihrer wissen­schaftsgeschichtlichen Un­wissenheit auch Steiners kausalitätsphiloso­phischer Lösungs­ansatz nebst seinem inneren Naturforschungs­anliegen ganz zwangsläu­fig und unver­standen durch die Hände rinnt, liegt auf der Hand. Da bleibt dann eben auch Steiners unverstandene «allerwichtigste Beobach­tung» aus der Philosophie der Freiheit auf der Strecke. Zu­mal dann, wenn sie aus der Schule Witzenmanns stammen, wo solche Denkansätze Steiners, - und wie wir bemerkten nicht nur von diesem, - ange­sichts von Witzenmanns bizarrer «erkenntnistheoretis­chen Grundfrage», «Wie Unbeob­achtbares zur Erinne­rung wer­den kann?» schon prinzipi­ell jenseits aller Mög­lichkeiten liegen.

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Wir können die Sachlage hinsichtlich des Zusammenfallens von Wahr­nehmung und Begriff inzwischen noch viel weiter eingrenzen und präzi­sieren. Stei­ner spricht wie gesagt bei der «erkennenden Betrachtung des Denkens» auch von ei­ner «Gegenüberstellung». Das nicht nur in der Phi­losophie der Freiheit im Kapitel III, hier S. 26 ff, bzw. in der Erstauflage von 1894 im Kapitel IV hier S. 39, sondern bereits rund acht Jahre zuvor in den Grundli­nienvon 1886 am Ende des Kapitels 4, auf S. 28 f, wo es diesbezüg­lich heisst: „Auch das Denken selbst erscheint uns zu­nächst als Erfah­rungssache. Schon indem wir forschend an unser Denken heran­treten, setzen wir es uns gegenüber, stellen wir uns seine erste Ge­stalt als von ei­nem uns Unbekannten kommend vor. [] Das kann nicht an­ders sein. Un­ser Den­ken ist, besonders wenn man seine Form als indivi­duelle Tätig­keit inner­halb unseres Bewußtseins ins Auge faßt, Be­trachtung, d. h. es richtet den Blick nach außen, auf ein Gegenüberste­hendes. Dabei bleibt es zunächst als Tätigkeit stehen. Es würde ins Lee­re, ins Nichts bli­cken, wenn sich ihm nicht etwas gegenüberstellte. [] Dieser Form des Gegenüberstellens muß sich alles fügen, was Gegen­stand unseres Wis­sens werden soll. Wir sind unvermögend, uns über die­se Form zu erhe­ben. Sollen wir an dem Denken ein Mittel gewinnen, tie­fer in die Welt einzudringen, dann muß es selbst zuerst Erfahrung wer­den. Wir müssen das Denken innerhalb der Erfahrungstatsachen selbst als eine solche aufsuchen.- «Wir müssen das Denken innerhalb der Erfahrungstatsa­chen selbst als eine solche aufsuchen», die dann als Er­fahrungstatsache «gegenüberstellend zu be­trachten ist»; um bei Steiners eigener Aus­drucksweise und Methode zu bleiben. Denn wer das Denken erforscht, so Steiner, «der muß es sich gegenüberstellen». Und es dann denkend be­trachten.

Diese Verfahrensweise der betrachtenden Gegenüberstellung gilt also nicht nur 1886, son­dern gleichermaßen 1894 in der Philosophie der Frei­heit. Und ebenso in ihrer Zweitaufla­ge von 1918. Bei den Grundlinien ... bleibt es damit also nicht, sondern derselbe zwingend­e methodische Hin­weis zur gegenüberstellenden denkenden Be­trachtung des Denkens findet sich auch im dritten Kapitel der Philoso­phie der Freiheit. So an zentraler Stelle der Zweitauflage von 1918, auf S. 43 f / in der Ausgabe von 1958 auf S. 27: „Zwei Dinge vertragen sich nicht: tätiges Hervorbringen und beschauliches Gegenüberstellen. Das weiß schon das erste Buch Moses. An den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt hervorbringen, und erst als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu beschau­en: «Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.» So ist es auch mit unserem Denken. Es muß erst da sein, wenn wir es beobachten wollen“ So heißt es in der Zweitauflage von 1918. Und das­selbe auch auch in der ersten Erstaufla­ge von 1894 im Kapitel IV, S. 39 f.

Nun ist das Denken nicht nur der nachträglich begreifenden, gegenüber­stellenden Beob­achtung zugänglich, sondern selbstverständlich auch der unmittelbaren Erfahrung. Auch das bereits in den Grundlinienvon 1886. Dort im Kapitel 8., hier S. 44 f. Vorgebracht dort mit den Worten: „Tritt nun das Denken wirklich in einer Weise an uns heran, wird es un­serer Individualität so bewußt, daß wir mit vollem Rechte die oben her­vorgehobenen Merkmale für dasselbe in Anspruch nehmen dürfen? Jedermann, der seine Aufmerksam­keit auf diesen Punkt richtet, wird fin­den, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen der Art besteht, wie eine äußere Erscheinung der sinnenfälligen Wirklichkeit, ja selbst wie ein an­derer Vorgang unseres Geisteslebens bewußt wird, und jener, wie wir un­ser eigenes Denken gewahr werden. Im ersten Falle sind wir uns be­stimmt bewußt, daß wir einem fer­tigen Dinge gegenübertreten; fertig nämlich insoweit, als es Erscheinung geworden ist, ohne daß wir auf die­ses Werden einen bestimmenden Einfluß ausgeübt haben. Anders ist das beim Denken. Das erscheint nur für den ersten Augenblick der übrigen Erfahrung gleich. Wenn wir irgend einen Gedanken fassen, so wissen wir, bei aller Unmittelbarkeit, mit der er in unser Bewußtsein eintritt, daß wir mit seiner Entstehungsweise innig verknüpft sind. Wenn ich irgend einen Einfall habe, der mir ganz plötzlich gekommen ist und dessen Auf­treten daher in gewisser Hinsicht ganz dem eines äußeren Ereignisses gleichkommt, das mir Augen und Ohren erst vermitteln müssen: so weiß ich doch immerhin, daß das Feld, auf dem dieser Gedanke zur Erschei­nung kommt, mein Bewußtsein ist; ich weiß, daß meine Tätigkeit erst in Anspruch genommen werden muß, um den Einfall zur Tatsache werden zu lassen. Bei jedem äußeren Objekt bin ich gewiß, daß es meinen Sin­nen zunächst nur seine Außenseite zuwendet; beim Gedanken weiß ich genau, daß das, was er mir zuwendet, zugleich sein Alles ist, daß er als in sich vollendete Ganzheit in mein Bewußtsein eintritt. Die äußeren Trieb­kräfte, die wir bei einem Sinnenobjekte stets voraussetzen müssen, sind beim Gedanken nicht vorhanden. Sie sind es ja, denen wir es zuschreiben müssen, daß uns die Sinneserscheinung als etwas Fertiges entgegentritt; ihnen müssen wir das Werden derselben zurechnen. Beim Gedanken bin ich mir klar, daß jenes Werden ohne meine Tätigkeit nicht möglich ist. Ich muß den Gedanken durcharbeiten, muß seinen Inhalt nachschaffen, muß ihn innerlich durchleben bis in seine kleinsten Teile, wenn er über­haupt irgendwelche Bedeutung für mich haben soll.“ - Damit haben wir einen relativ langen und hoch interessanten Sachverhalt vor uns.

Der Gedanke zeigt «sein Alles». Weil wir es hier «nicht mit unzugängli­chen äußeren Triebkräften zu tun haben, sondern mit der erlebten eigenen Tätigkeit», die ihn erst zur Er­scheinung bringt. Wir haben demnach beim Denken Wirken­des und Bewirktes unmittelbar im Bewußtsein vor­liegen. Was bei keiner einzigen «äu­ßeren» Tatsache der Welt der Fall ist. Es ist dies der Grund, warum laut Steiner das Denken bereits in unmittelbarer Erfah­rung sein Wesen ent­hält, wie er rückblickend dann im Kap 15, S. 86 der Grundlinienei­gens noch einmal anführt: „Wir erinnern uns, war­um eigentlich das Den­ken in unmittelba­rer Erfahrung bereits sein Wesen ent­hält. Weil wir in­nerhalb, nicht außerhalb jenes Prozes­ses stehen, der aus den einzelnen Gedankenelementen Gedankenverbindungen schafft. Da­durch ist uns nicht allein der vollendete Prozeß, das Bewirkte gege­ben, sondern das Wir­kende.“

Das alles sollte man im Auge behalten ange­sichts Steiners oben erwähn­ter kritisch abgren­zender Bemerkung zu He­gel, daß es ihm (Steiner) vor­nehmlich darum gehe, den Prozeß ins Auge zu fassen, durch den Be­griffe und Ideen erst gewonnen werden. In die­sem Prozeß wiederum, - und das ist jetzt die naturwissenschaftliche Dimension des Erkenntnis­problems, - liegt ein erlebter Zusammenhang von Wirkendem und Be­wirktem vor, der in der Ausprägung eines Kausalzusammenhanges, der ja ebenfalls ein Zusammenhang von Wirkendem und Bewirktem ist, eine endlo­se Herausforderung der naturwis­senschaftlichen Grundlagen­forschung dar­stellte, wie Steiners Hinweis auf Kant und die Dogma­tismen von Of­fenbarung und Erfahrung im Kapitel 14 der Grundlinienzeigt. Die «an die Sa­che nie herankommen», wie es bei Steiner heißt (hier S. 82).

So schreibt er dort: „Fassen wir einmal streng ins Auge, wie eine Behauptung der Wis­senschaft zustande kommen kann. Sie verbindet zwei Dinge: ent­weder einen Begriff mit einer Wahrnehmung oder zwei Begriffe. Von letzterer Art ist z. B. Die Behauptung: Keine Wirkung ohne Ursache. Es können nun die sachlichen Gründe, warum die beiden Begriffe zusammenfließ­en, jenseits dessen liegen, was sie selbst enthalten, was mir da­her auch allein gegeben ist. Ich mag dann noch immerhin irgend welche formelle Gründe haben (Widerspruchslosigkeit, bestimmte Axiome), welche mich auf eine bestimmte Gedankenverbindung leiten. Auf die Sa­che selbst aber haben diese keinen Einfluß. Die Behauptung stützt sich auf etwas, das ich sachlich nie erreichen kann. Es ist für mich daher eine wirkliche Einsicht in die Sache nicht möglich; ich weiß nur als Außenste­hender von derselben. Hier ist das, was die Behauptung ausdrückt, in ei­ner mir unbekannten Welt; die Behauptung allein in der meinigen. Dies ist der Charakter des Dogmas. Es gibt ein zweifaches Dogma. Das Dog­ma der Offenbarung und jenes der Erfahrung. Das erstere überliefert dem Menschen auf irgendwelche Weise Wahrheiten über Dinge, die seinem Gesichtskreise entzogen sind. Er hat keine Einsicht in die Welt, der die Behauptungen entspringen. Er muß an die Wahrheit derselben glauben, er kann an die Gründe nicht herankommen. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Dogma der Erfahrung. Ist jemand der Ansicht, daß man bei der bloßen, reinen Erfahrung stehen bleiben soll und nur deren Veränderun­gen beobachten kann, ohne zu den bewirkenden Kräften vorzudringen, so stellt er ebenfalls über die Welt Behauptungen auf, zu deren Gründen er keinen Zugang hat. Auch hier ist die Wahrheit nicht durch Einsicht in die innere Wirksamkeit der Sache gewonnen, sondern sie ist von einem der Sache selbst Äußerlichen aufge­drängt.“ - So Steiner im Kap. 14, und macht dabei gleich mit deutlich, daß es ihm dabei zugleich um die «bewir­kenden Kräfte» geht, deren Erkenntnis anzustreben ist. Deren Erkenntnis aber ist in beiden dargelegten Formen des Dogmatismus ausgeschlossen.

Mit Kant ist bei der Kausalerkenntnis also empirisch nichts zu holen, lautet sein Fazit. Weil er mit seinen Mitteln an die Sache nicht heran­kommt. Nicht herankommt an den Zusammenhang von Wir­kendem und Bewirktem repektive an die «bewirkenden Kräfte». Was ja auch Kants persönlicher Auffassung entsprach wie Sie besonders prägnant seinen Prolego­mena schon in der Vorrede (ab S. 6) entnehmen können. Das Er­kennen und Erleben von wirkenden Kräften aber ist al­lein mög­lich bei der erlebten Erkenntnis des Den­kens. Weil da laut Steiner bereits dieser Zusam­menhang in der unmittelbaren Erfah­rung vorliegt. Daß Steiner bei der im Kapi­tel 14 der Grundlinienschon angedeuteten kantianisti­schen Misere der em­pirischen Naturwis­senschaft dann in der 1894 nachfol­genden Philoso­phie der Freiheit die Beob­achtung des Den­kens zur Al­lerwichtigsten erklärt, die der Mensch ma­chen kann, versteht sich ange­sichts der 1886 am Beispiel Kants behandelten empirischen Zwangslage mit ihrem Erklärungsnot­stand des kriti­schen / skeptischen Em­pirismus weitge­hend von selbst. Denn die «aller­wichtigste Beobacht­ung» aus der Philo­sophie der Freiheit re­kurriert ganz explizit auf den er­lebten Zusammen­hang von Wirkendem und Be­wirktem im Denken. Et­was, was Kant als erklärter Metaphysiker der Natur­wissenschaft zusam­men mit Hume niemals fand.

Als Ergänzung dazu noch der Hinweis, daß Steiner bereits in der frü­hen Auseinandersetzung mit Eduard von Hartmann (1887) von der «verursa­chenden Idee» spricht. Und damit im Zusammenhang den menschlichen Willen als «Idee» bezeichnet, „diese als Kraft aufgefaßt.“ (GA-1, Dor­nach, 1987, S. 196 ff). Ein Analogon dazu findet sich wiederum im spä­ter skizzierten anthroposophischen Schulungsweg, wo Steiner anlässlich der Gedankenübung von einer «Willenswirklichkeit» spricht, die «ihre Wirklichkeit in sich selbst trägt». (GA-35, S. 276 f) Für einen Ideenrea­listen wie Steiner, für den die gesamte Natur einen organisierten Weis­heitszusammenhang der «umfassenden Idee» darstellt, ist es natürlich naheliegend, die wirken­den Kräfte (Ideen) der Welt und ihres «Urgrun­des» zuallererst mit ihrer Wirksamkeit in Form kraftender und wirkender Ideen im eigenen Den­ken zu suchen; - dort wo auch Ideen unmittelbar erlebbar schöpferisch hevorgebracht werden. Und dieses ideenrealis­tisch-naturwissenschaftliche For­schungsziel läßt sich bei Stei­ner von Anfang an eindeutig belegen. Ins­besondere natürlich in den Grundlinienvon 1886. Ganz unmissver­ständlich dort ausgesprochen schon im Kapitel 8 mit seiner Aussage von der Denktätigkeit als «tätigem Gedan­kengehalt der Welt». (GA-2, S. 46 ff)

Nun, Dogmatiker von Offenbarung und / oder Erfahrung sind neben Me­taphysikern unter den Wissenschaftsphilosophen wie Kant auch alle na­turwissenschaftlichen Physikalisten, weil sie «nie an die Sache heran­kommen», wenn sie einen Kausalzusammenhang behaupten, ohne eine wirkli­che Einsicht in die sachlichen Gründe dieses Zusammen­hangs zu haben. Und dann auf Kant oder Hume und deren gegenwärtige Ab­kömmlinge in Begründungsfragen setzen. - Was Steiner in jenem Kapi­tel 14 der Grundliniendarlegte, gilt heute noch ganz genau so. Inso­fern ist es naturwissenschaftlich und werkgene­tisch von besonderer Tragweite, wenn Steiner bei der Beob­achtung des Denkens schon 1886 einen «erleb­ten Zusammenhang von Wir­kendem und Bewirktem» gel­tend macht, und davon 1897 in Goethes Welt­anschauung (hier S. 70) schreibt, daß «der Beobach­ter des Denkens das Weltgesche­hen durch­schaut». Insofern muß man sich über das vor­rangig induktiv naturwis­senschaftliche Anliegen von Steiners früher Er­kenntniswissenschaft, das in allen sei­nen damaligen Begründungswer­ken regelrecht in die Augen springt, wirklich nicht mehr streiten. Es geht in diesen Begründungs­schriften um den empirischen Naturforschungs-Zugang zu ei­ner Geist-Natur, wie er es in Anlehnung an Goethes Essay Die Natur im zweiten Kapitel der Philosophie der Freiheit ebenfalls formulierte.

Was hin­reichend verdeutlicht, dass der unmittelbar erlebte Zusammen­hang von Wir­kendem und Bewirktem, wie er von Steiner be­tont wird, von ausser­ordentlicher Bedeutung für die empirisch-naturwissenschaft­liche Welter­klärung ist. Weil er anderswo eben nicht zu erleben ist. Was wiederum verständlich macht, daß der Mensch als komplementärer Na­turforscher laut Goe­thes Weltan­schauung «bei der Be­obachtung des Den­kens das Weltgeschehen durchschaut», wie es 1897 (S. 70) hieß. Weil er bei der Beobachtung des Denkens eine unmittelbare Einsicht nicht nur in die logischen Verhältnisse, sondern, und das gilt ja für den Naturwissen­schaftler vor allen Dingen und mit Vorrang: Vor allem in den Zusam­menhang von Wirkendem und Bewirktem hat. Mit der Logik allein und ihren Prinzipen, das zeigt Steiners Kapitel 14 der Grundlinien, kommt man beim Verständ­nis von Naturwirksamkeiten nicht weit. Dann kann man mit Kant auch gleich wie hier S. 6 ff Metaphysiker der Naturwissen­schaft bleiben, ohne ir­gend et­was zu ihrem wirklichen empirischen Ver­ständnis beitra­gen zu können. Und wie Kant mit seinen raffinierten logi­schen Zaubereien damit dann ganz zwangsläufig beim Irrealismus eines unerkennba­ren Dinges an sich en­den.

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Den Prozeß des Denkens und ebenso sein Resultat, den Gedankeninhalt, habe ich in unmittelbarer Erfahrung vorliegen. - So Steiner bereits 1886 auf S. 56 der Grundlinien. «Wir stehen innerhalb, nicht außerhalb je­nes Prozesses, der aus den einzelnen Gedan­kenelementen Gedankenver­bindungen schafft. Und infolgedessen ist uns nicht allein der vollendete Prozeß, das Bewirkte gegeben, sondern auch das Wirkende.» Eine Fest­stellung im Kapitel 15, die wahrlich nicht ganz zufällig gleich dem Kapitel mit der kritischen Be­trachtung zu Kants Kausalitätsproblem und den beiden Dogmatismen nachfolgt.

Diese Sachlage vom «erlebten Zusammenhang von Wirkendem und Be­wirktem» fir­miert spä­ter in der Philosophie der Freiheit (hier S. 181, oder alternativ hier, S. 256) auch unter dem Terminus «intuitiv er­lebtes Denken», als einer «Wahrneh­mung, in der der Wahrnehm­ende selbst tä­tig ist. Und einer Selbstbetätigung, die zugleich wahr­genommen wird.» Dort zwar in den Zusätzen von 1918 platziert, aber der Sache nach längst schon, wie der Leser sieht, in den Grundlinienvon 1886 vor­handen un­ter dem Stich­wort «erlebter Zusam­menhang von Wir­kendem und Be­wirktem.» Was 1886 bereits in den Grundlinienzu le­sen war, das wird dort in den Zusätzen von 1918 noch einmal auf­genommen und zusätzlich be­kräftigt.

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Man kann das gar nicht oft genug wiederholen wenn es um die Frage der Beob­achtung des Denkens bei Steiner geht. Denn es wird schon 1886 klipp und klar gesagt, daß der Tätig­keitsprozeß des Denkens natürlich ebenfalls in der un­mittelbaren Erfahrung als «Wirken­des» vor­liegt und nicht nur das von ihm «Bewirkte». Was ja in Wahrheit und Wis­senschaft im Kapitel IV hier S. 37 ausdrück­lich noch einmal und neuerlich im Rü­ckgriff und im Zusammenhang mit dem Begriff der Kausalität wie­derholt wird. Desgleichen in der Philoso­phie der Freiheit. Und 1897 dann noch einmal in aller Dringlich­keit und Prägnanz in der Schrift Goe­thes Weltanschauung im Kapitel Die Metamorphose der Welterscheinun­gen (hier in der Erstauflage von 1897, S. 70; in der GA-06 von 1990 auf S. 85 ff). Wenn Sie sich jetzt noch ein­mal Steiners Ausein­andersetzung mit dem Kausalitätsproblem Kants im Kapitel 14 S. 81 ff der Grundlini­enansehen, dann wird Ihnen wie ge­sagt einiges noch weit kla­rer wer­den, was Steiner mit dem erlebten Zu­sammenhang von Wirken­dem und Bewirk­tem und der Beobachtung des Denkens mit Blick auf das Weltge­schehen alles verbindet. Eine weit aus­führlichere Betrachtung dazu fin­den Sie wie gesagt in meiner län­geren Studie, Bildende Kräfte und Ru­dolf Steiners Philosophie der Freiheit, die der Frage der inneren Kausali­tät im Zusam­menhang mit der Beobachtung des Denkens ausge­dehnt auch phi­losophiegeschichtlich und im Zusam­menhang mit dem Kausali­tätsproblem von Hume und Kant nachgeht. Hier im vorliegenden Kapitel würde uns das jetzt zu weit füh­ren. Weswe­gen ich hier 2022 nur einiges ergän­ze, was mir zur Präzisierung des seit circa 10 Jahren hier vorliegen­den Kapitels sehr wichtig erschien.

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Das Denken wird demnach, wenn man bei Steiners Ausdrucksweise bleibt, vom Denken "gesehen". In diese Richtung zielt auch sein Hinweis von Kap. IX, hier, S. 101 der Philo­sophie der Freiheit: "Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muß: Begriff und Wahrnehmung." Der unmittelbar vorangehend­e sachliche Kontext des Zitats ist der Frage gewidmet, wo­mit oder wo­durch das Den­ken zu erklären sei. Das Den­ken, so Steiner auf könne "un­mittelbar angeschaut" wer­den und weist hirnphysiologische Erklärungen eben­so zurück wie Ansätze, die das Denken auf unbewußte Vorgänge zu­rückführen wollen. Das Zusammen­fallen von Wahrnehmung und Begriff steht hier also im Konnex mit der Selbsterklärung bezie­hungsweise Er­kenntnis des Denkens und bedeutet, daß der beschreibende Begriff, der mir bei der Beobachtung des Den­kens aufgeht, gleichzuset­zen ist mit der Anschauung des Denkens. Das Denken kann also nur durch Begriffe «an­geschaut» oder «gesehen» wer­den. Oder wenn wir noch präziser sein wollen: begriffen werden! Denn darum geht es ja im vorliegenden Fall. Und zwar auf einer rein deskriptiven Ebene. Und wie es zum Begreifen bei Steiner allgemein notwendig ist, gehört dazu auch die Wahrnehmung der individuellen begreifenden Denktätigkeit, ohne welche das Den­ken gar nicht zu be­greifen ist. Schon gar nicht induktiv auf empirischen Wege.

Letzteres sage ich in ausdrücklicher Abgrenzung von Herbert Witzen­mann, der im Kapitel Intuition und Beobachtung im gleichnamigen Band Nr. 1, Stuttgart 1977 auf S. 83 in der Anmerkung 83 seinem Leser er­klärt: „Das Denken kann nicht, wie es die materialistischen Denker an­streben, »durch einen bloßen Beobachtungsprozeß« in derselben Art wie die an­deren Gegen­stände des Weltinhaltes gefunden werden. Vielmehr entzieht es sich der »nor­malen Beobachtung« und ist nur einem »Aus­nahmezustand« des Beobachtens, nämlich der Intuition zugänglich.“

Was in mehrfacher Hin­sicht irreführend ist. Zum einen, weil der von Steiner genannte «Ausnahmezustand» in der «gegenüberstellenden Be­trachtung von Erfahrungen des Denkens» besteht, wie wir oben schon anläßlich von Steiners Grundlinienerläutert haben. Diese gegenüber­stellende Betrachtung findet sich auch in der Philosophie der Freiheit, wie wir sahen im dritten Kapitel. Und ein «Ausnahmezustand» ist das insofern, weil er etwas ungewöhnlich ist, und sich das Denken norma­lerweise eben nicht den eigenen Denkerfahrungen gegenüberstellt, um sie in Er­kenntnisabsicht zu beobachten / zu betrachten. Steiner macht gar kein geheimnisvolles Gewese darum, sondern spricht Kap. III, hier S. 25 lediglich von «einer Art Ausnahmezustand», weil wir normaler­weise nicht über unser Denken mit Erkenntnisabsicht nachdenken.

Zum anderen ist Witzen­mann da irreführend, weil natürlich die Erkennt­nis von Wahr­nehmungen jeglicher Art, seien sie äußerer oder in­nerer oder geistiger Natur, nur auf dem Wege des reinen Denkens und der Be­griffsbildung via Intuitionen möglich ist, wie Steiner im Kapi­tel V. der Philo­sophie der Freiheit anlässlich der Einführung des Intuitionsbegriffs aus­drücklich hervorhebt. Siehe hier S. 65 ff. Alternativ GA-4, Dornach 1995, S. 94 ff: “Wir stehen einem beobachteten Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem Innern nicht die entsprechen­de Intuition haben, die uns das in der Wahrnehmung feh­lende Stück der Wirklichkeit ergänzt. Wer nicht die Fähigkeit hat, die den Dingen ent­sprechenden Intuitionen zu finden, dem bleibt die volle Wirklichkeit ver­schlossen.“ Was gleichermaßen für äußere Wahrneh­mungen gilt, als auch für innere und geistige. Denn, wie Steiner in Kap. VII schreibt: „Man wird aus dem schon Vorangehenden, aber noch mehr aus dem später Ausgeführ­ten ersehen, daß hier alles sinnlich und geistig an den Menschen Heran­tretende als Wahrnehmung aufgefaßt wird, bevor es von dem tätig erar­beiteten Begriff erfaßt ist.“ Kap. VII, hier S. 94. Ein Sachverhalt der in den Zusätzen von 1918 eigens noch einmal bekräftigt wird durch Stei­ners Bemerkung über das «intuitiv erlebte Denken», dem rein geistig erlebbaren intuiti­ven Denken, durch das eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit er­kennend hineingestellt wird.“ (Zweiter Zusatz von 1918 im Kapitel Die Konsequenzen des Monismus, hier S. 180.) Eine jegliche Wahrnehmung wird durch dieses intuitiv erlebte Denken in die Wirk­lichkeit erkennend hinein gestellt, - was selbstredend auch für die Er­kenntnis des eigenen Denkens gilt. Aber auch für die Erkenntnis von Schnecken und Löwen, die nun einmal in das Feld von «jeglichen Wahr­nehmungen» hinein gehören.

Ohne Intuition gibt es keine reinen Begriffe bei Steiner und ebenso auch keinerlei Erkenntnis, die ja in der Zusammenführung von Wahrnehmun­gen und intuitiv gewonnenen reinen Begriffen besteht. Die Intuition ist folg­lich auch kein Alleinstel­lungsmerkmal für die Erkennt­nis des Den­kens, son­dern sie ist vielmehr zu je­der Erkenntnis erforder­lich, wie eben deut­lich wurde. Damit von der anderen Seite gesehen: Auch für die Er­kenntnis des Den­kens gilt, daß sie in der Zusammenführung von Wahr­nehmung und Be­griff besteht. Und wer keine Wahrnehmungen seines tätigen Denkens hat, wie ganz explizit Herr Witzenmann, der kann dort auch nichts erken­nend zusammenführen. Deswegen war natürlich auch Büh­lers Frage nach den Wahrnehmungen des Denkens so wichtig – auch für Anthroposophen.

Die Intuition ist es also nicht, die exklusiv nur bei einer Erkenntnis des eige­nen Denkens infrage kommt, weil die Intuition für jede Erkenntnis benö­tigt wird. Was dagegen für die Er­kenntnis des Den­kens in besonde­rer Weise bei seiner Beobachtung in Betracht kommt, ist die Tatsache, daß dabei Wahrneh­mung und Begriff zusammenfallen. In­sofern nämlich, als der Den­ker nicht nur ei­nen Begriff das ei­gene Denken betref­fend tä­tig erar­beitet, sondern zugleich bei der tätigen Begriffserarbei­tung den ei­genen beob­achtenden tätigen Denkprozeß, - das Wirkende, - auch un­mittelbar als tä­tig erlebt - «ihn wahr­nimmt». Was bei keiner einzigen äußeren Wahrneh­mung jemals der Fall ist. Sie können so viel über vege­tative schöpferische Prozesse und Kräfte in Blumen und Bäumen nach­denken wie Sie wollen. Die Pflanzen beobachten, so viel Sie wollen. Die wir­kenden Kräfte in die­sen Pflanzen erleben Sie nicht unmittelbar, son­dern sie bleiben Ihnen ein Äuße­res, wie Steiner schon in den Grundlini­en …, Kap. 8 (hier S. 48 f) und be­sonders markant dann in Goethes Weltanschauung (hier S. 67-70) noch einmal her­vorhebt. Was für alle übri­gen Kräfte in gleicher Weise gilt. Der Mensch erlebt (schöpferische) Kräfte hin­gegen beim eigenen Den­ken und seiner Beobachtung unmittel­bar. Wes­wegen man bei der Beobachtung des Denkens auch «das Welt­geschehen durch­schaut», wie es an der betreffenden Stelle in Goethes Weltan­schauung heißt. Weil man dabei die wirkenden Kräfte während der Beob­achtung in Wahrnehmungsform auch unmittelbar erleben kann. Und insofern fallen Wahr­nehmung und Be­griff dort zu­sammen: - Die ei­gene Denkaktivität des beobachten­den Denkens als Wahrnehmung des Wirkenden. Und das Er­kenntnisresultat dieses erkennenden Denkens als Bewirktes. Was Stei­ner wie gesagt ei­gens noch einmal in seiner Schrift Goethes Weltanschau­ung von 1897 auf S. 70 her­vorhebt. Was, wie wir sahen, aber bereits 1886 zum fundamen­talen Be­stand der Grund­linienge­hörte. Nur beim Denken wird der Zusam­menhang von Wir­kendem und Be­wirktem un­mittelbar er­lebt, wie es be­reits in den Grundlinienvon 1886 hieß. Und das ist das entschei­dende Alleinstellungsmerkmal bei der Erkennt­nis des eigen­en Den­kens. Daß Wirkendes (der erlebte beobachtende Denkprozeß) und Bewirkt­es (der dabei erar­beitete und er­kannte Be­griff respektive die Er­kenntnis) in ihrem Zusam­menhang un­mittelbar erlebt werden. Und das Weltgeschehen insofern auch durch­schaut wird, weil hier ein schöpferi­scher «Naturprozeß» unmittelbar er­lebt und erkannt wurde. Oder wie Steiner es ebenfalls in Goethes Weltanschauung (S. 69) in diesem Zu­sammenhang in kritischer Anleh­nung an Goethes ausdrücklichen Ver­zicht auf die Beobachtung des Denkens skizziert: „Aber so wie die schöpferischen Naturkräfte «nach tausendfältigen Pflanzen» noch eine machen, worin «alle übrigen enthalten» sind, so bringen sie auch nach tausendfältigen Ideen noch eine hervor, worin die ganze Ideenwelt enthalten ist. Und diese Idee erfaßt der Mensch, wenn er zu der Anschauung der andern Dinge und Vorgänge auch diejenige des Denkens fügt.“

Die Intuiti­on ist wie gesagt in al­len Fällen von «Sinneserwahrnehmun­gen», äußeren wie inneren und geistigen, erforder­lich, über die zur gege­benen Wahr­nehmung der ergänzend­e Begriff hinzu­gefügt wird. Das ei­gene erlebte / wahrgenom­mene Denken macht dabei keine Ausnahme. Nur ist dieser Zusammenhang bei Witzen­mann völlig verlo­ren gegan­gen und abgeschafft worden, weil er meinte, von seiner Denk­tätigkeit kein unmittelba­res Be­wußtsein, - keine unmittelbare Wahrnehmung, - zu ha­ben. Das auf der Basis eines ganz unverstandenen Beobachtungs­begriffs. Weswegen er in seiner Schrift Goe­thes universaläs­thetischer Impuls, Dornach 1987, (S. 356, S. 386, S. 397) die im Zu­sammenhang mit Stei­ners Frühschriften vollkommen ab­surde Frage, «Wie Unbeob­achtbares zur Erinnerung werden kann?» zur «erkenntnis­theoretischen Grundfra­ge» erklärte. Womit er jede gedankliche Verbin­dung mit Stei­ner und dessen erkennt­niswissenschaftlichen Intentio­nen nachweis­lich abge­schnitten hat. Wie bereits gesagt, ohne jede weitere klärende Unter­suchung des problematischen Sachverhalts an Steiners restlichen (Früh)-Werken. Was bis zur finalen Strukturphänomeno­logie Witzen­manns auch so bleiben wird, die von Witzenmanns Schü­lern vielfach hoch und heilig gehalten wird. Der Mann hat in Wirklich­keit gar nichts begriffen von dem, wor­um es Steiner mit seiner «inne­ren Naturwissen­schaft» geht, und wie er das einlöst. Witzenmanns An­hängern geht es damit bis heute in genau gleicher Weise.

Wo­hingegen Steiner in sämtlichen Begrün­dungsschriften das ge­naue Ge­genteil von dem darlegt, was Witzenmann darüber erzähltnämlich die Bewußtheit des Denkprozesses in Form seiner unmit­telbaren Erfah­rung / Wahrneh­mung. Re­spektive als «unmit­telbare Gege­benheit» in Wahrheit und Wis­senschaft, Kap. IV, S. 37: „Wir müssen uns vollstän­dig klar dar­über sein, dass wir dieses Her­vorbringen in aller Unmittel­barkeit wieder ge­geben haben müssen. Es dürfen nicht etwa Schlussfol­gerungen nötig sein, um dassel­be zu erkennen.“ Oder eben als «erlebter Zu­sammenhang von Wirken­dem und Be­wirktem» in den Grundlini­en. In der Philosophie der Freiheit war das also schon 1894 alles nichts Neues.

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Werden wir abschließend in dieser Passage noch etwas konkreter und mit etwas Gegenwartsbezug durch ein bekanntes Beispiel. Die Tat­sache, daß ich mich beim Denken nicht nach der Hirnphysiologie richte, sondern nach den Inhalten von Begriffen, ist an sich völlig trivial und leicht zu verifizieren. Der von Steiner diesbezüglich hergehobene Sach­verhalt ist eine Erkenntnis über das Denken auf einer rein deskriptiven Ebene und an der unmittelbaren Erfahrung des Denkens ge­wonnen. Doch so trivial und einleuchtend er auch ist, gibt es genügend Blinde, die über die Farbe reden, weil sie nach wie vor glauben, dass es das Gehirn sei, welches denkt. Ohne einen einzigen Beweis an der unmit­telbaren Erfah­rung des Denkens dafür jemals vorlegen zu können. Das ist der regelmäß­ige Sachstand heute, wenn physikalistische Welterklärer und Ethiker mit un­belegbaren hirnphysio­logischen Hypothesen und mit einem naturwissenschaftlichen Kausalitätsprinzip ganz rationalistisch über das Denken her­fallen, von dem sie wegen ihrer Blindheit nicht die leiseste Vorstellung haben. «Der Rationalismus ... interpretiert in die Er­scheinungswelt Ursachen und Zusammenhänge hinein, die nicht in der­selben sind. Verliert damit den sicheren Boden unter seinen Füßen und verfällt der Willkür der Einbildungskraft und des subjektiven Einfalles.» So Steiner Goethe referierend dazu in GA-1, hier S. 188, anlässlich der Behandlung von Goethes «Urphänomen». Eine dogmatisch-fantastische Vorgehenswei­se, die er bereits im Kapitel 14 der GrundlinienKant vorgeworfen hatte, der «an die Sachen nie herankam» und an die Stelle der Tatsachen rationalitische Phantastereien setzte. Das geht im Prinzip seit min­destens Humes Zeiten schon so, und treibt zur Zeit un­ter dem global­faschistischen und angeb­lich brillanten Vordenker des Herrn Schwab, Harari, auf einen nie dage­wesenen to­talitären Höhepunkt zu, wo ein materialistischer Blinder aus dem Welt­wirtschaftsforum über die Farbe redet, gegen die menschli­che Freiheit kämpft, und sich bei sei­nen menschenver­achtenden ideologi­schen Exzessen auf die Naturwis­senschaft, und unter an­derem auf die Versuche von Libet beruft:Geist ist für Harari in seinen ersten beiden Büchern etwas, das entsorgt werden sollte, zusammen mit Seele und Gott. Doch nun zeichnet sich ein Ernst­nehmen von geistig-seelischen Phänomenen ab. Gleichwohl betrachtet Harari die Inhalte des Bewusst­seinsflusses nach wie vor als reine Infor­mationen und unterstellt, dass wir letztlich doch nur informa­tionsverarbeitende Maschinen seien, die besser von maschinellen Algo­rithmen «ge­steuert» werden sollten.“ So schreibt Gernot Böhme dazu in der neu­en Züricher Zeitung vom 15.01.22. Begriffe wie Freiheit und Seele ge­hören für Harari entsorgt. Dass neben den von ihm vorgebrachten Algorithmen, die man dann ge­gen nutzlose Esser zur Anwendung bringt, vielleicht noch ganz andere Ideen im Kopf des Herrn Harari herum spuken, kann man einem länge­ren Hin­tergrundartikel über Transhumanismus und syntheti­sche Spiritua­lität ent­nehmen.

In solchen vorhersehbar perversen Exzes­sen des Materia­lismus, deren physiologische Wurzeln sich bereits in der physiologischen Psy­chologie seiner Zeit her­ausbildeten, lag auch ein engerer An­lass für Stei­ners Kapitel 14 in den Grundlinien, wo er das Kausa­litätsproblem zwar mit Blick auf Kant diskutiert. Doch dieser wie­derum fußt in die­ser Frage ganz explizit auf David Hume, wie Sie hier in Kants Pro­legomena in der Vor­rede S. 6 ff nachlesen können. Wonach Kausalität überhaupt nicht empirisch nach­weisbar sei, weswegen wie­derum Kant nach dieser Steilvorlage Humes die Flucht in die Metaphysik angetreten hat, wie er in den Prolegomena schreibt. Weder Kant noch Hume waren in Lage, Naturkausalität in der äußeren Natur empirisch zu finden, weil sie die «Natur» gar nicht kannten. Wohin­gegen wiederum Steiner in der Philoso­phie der Freiheit (Kap. II, hier S. 21) ausdrücklich betont: „Es kann nur ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns lebt. ... Wir können die Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen.“ Das weist ganz unmissverständlich auf Stei­ners naturforschenden Weg nach innen, wie er ihn dort auch verfolgt hat. Wer nun aber nach dem Vorbild der Naturwissenschaft materialisti­sche / hirnphysiologi­sche Kausalit­ät im menschlichen Denken rationalistisch gel­tend macht, aber gemäß Kant und Hume erkennt­nistheoretisch Kausalität gar nicht empirisch be­legen kann, und nachfolgend nur fantasti­sche natur­wissenschaftliche Hy­pothesen darüber und die Kausalbe­stimmtheit des menschlichen Den­kens ausspinnt ohne auch letzteres zu kennen, der kann auch über Frei­heitsfragen, das Menschenb­ild und künftige sozia­le Verhältnisse an­hand einer pseudodarwinistischen Ethik und mit einem rationalistischen Kausalitätsprinzip bewaffnet nur fan­tastisch sub­stanzloses und mörderi­sches Zeug ausspinnen. Wie es Stei­ner schon den Maschinen­denkern des zeitgenössis­chen Sozialismus und Bolschewis­mus attes­tierte. Deren psy­chologische Hilfstruppen, wie etwa der physiologi­sche Psy­chologe Theodor Ziehen, damals diesel­be Spur leg­ten, der heu­te ein Herr Harari in seinen tödlichen transhumanistischen Phantastereien folgt, dem alles Menschliche völlig fern liegt. (Siehe Steiner etwa in GA-174, S. 298 ff; siehe dazu auch GA-174 b, Dornach 1994, S. 301 ff)

Laut Steiner legte als namhafter zeitgenös­sischer Vordenker für den Bol­schewismus Theodor Ziehen, seines Zeichens physiolo­gischer Psy­chologe und ebenso Kant- und mehr noch Hume-Anhänger, da­mals mit diese Spur, wie sie heut­zutage etwa Li­bet für den Primitiv-Darwinisten, Vulgär-Historiker, Techno-Phantasten und «Schwab-Berater» Hara­ri legt, der mit großem Tamtam in die Öffentlichkeit gedrückt wird. An die­ser le­bensbedrohlichen Per­spektive einer Menschheit, die «die Natur gar nicht kennt, da sie sie in sich selbst nie gefunden hat», hat sich seit Stei­ners Zeit nicht viel geän­dert, sondern seither noch erheb­lich ver­schärft, weil an­geblich fa­mose Geister über das Denken immer noch wie die Blinden über Far­ben reden, wie im ausgehenden 19. Jahrhun­dert schon. Und infolgedess­en drauf und dran sind, die ganze Menschheit physikalistisch zu ruinie­ren. Wir stehen gegen­wärtig buch­stäblich mitten im menschlichen Über­lebenskampf ge­gen Maschinend­enker wie Schwab, Harari und ihresglei­chen. (Siehe dazu auch Prof. Dr. Peter Cullen im Corona-Ausschuß Nr. 109 ab Std 3:05. ) - Und mit Blick auf die Er­kenntnis von Denken und Frei­heit ist diesbe­züglich zu konstatier­en: Von Herrn Witzenmann und des­sen exegetischen Entgleisungen und philosophi­schen Verball­hornungen Stei­ners ist dabei keinerlei Hilfe zu erwarten. Da ist in dieser Frage mit Witzenmanns «Erzeugungspro­blem» und seiner «Paradoxie der Selbstgebung» aus der Strukturphäno­menologie zur Rettung wirklich nichts zu holen. Ganz im Gegenteil.

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Nun, was vor der ei­gentlichen Anschauung des Denkens durch empirisch gewonnene Be­griffe aus innerer Beobachtung liegt, ist seine be­griffslose "reine Erfahrung". Wer nichts über das Den­ken weiß, der kann zwar er­folgreich und bisweilen sehr brillant denken, hat aber auf der Ebe­ne sei­nes Begreifens nichts weiter als un­begriffene reine Erfah­rungen davon. Und selbst das ist ihm als Tatsache in al­ler Re­gel alles andere als klar, so lange er sich nicht in den «Ausnahmezu­stand» der be­trachtenden Gegen­überstellung begibt, um das Denken auch mittels des Denkens zu begreif­en. Darauf beruht die sich selbst tragende Na­tur des Denkens, von der Steiner oben im Zusam­menhang mit Hegel sprach, und bemerkte, daß diese sich selbst tragende Natur nicht einfach auf Be­griffe und Ideen übertragen wer­den können, sondern nur für das Denken gilt, durch wel­ches Begriffe und Ideen erst ge­wonnen werden. Man muß hinzufü­gen: Auch die moderne Physik kann sich natürlich nicht selbst tragen, sondern muß zugestehen, daß sie von ihrer Beobachtungs­position aus den unmittelbaren Zusammenhang von Wirkendem und Be­wirktem niemals sicher feststel­len wird, weil ihr die viel zu fern liegen. Die von ihr unter­suchten äußeren Triebkräfte sind ihr schlechterdings nicht unmittelbar er­reichbar, wie Steiner schon 1886 im Kapitel 8 und öfter schrieb. Diese Tatsache geht auch aus Steiners Auseinan­dersetzung mit Kants Kausalit­ätsproblem hervor, dem des Ka­pitel 14 der Grundlini­en … gewidmet ist. Der ein­zige Ort, wo ein erlebter Zusammenhang von Wirkendem und Be­wirktem sicher feststell­bar ist, das ist laut Steiner das menschliche Den­ken. Was natürlich enorme Aus­wirkungen auf die Begründung der Natur­wissenschaften haben muß. Man kann die äußere Natur nur finden, wenn man sie in sich erst kennt. Wie Steiner im zweiten Kapitel der Philosophie der Freiheit sagt. Was seinen Worten zufolge einschließt, dass man dort «mehr findet, als nur Ich».

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Schauen wir uns jetzt im zweiten Durchgang sozusagen die Angelegen­heit noch einmal etwas aus der Nähe an: Da Steiner auch in anderen Kon­texten ein Zusammenfallen von Wahr­nehmung und Begriff hervorhebt, und es hier beachtenswerte Diffe­renzen gibt, sei der Klarstellung halber folgendes ange­merkt: Leser, die mit Steiners philosophischen Grund­schriften etwas ver­traut sind, werden wissen, daß er dort dem Denken die Fähigkeit zu­schreibt, Begriffe und Ideen wahrzunehmen - man könnte auch sagen: sie zu beobachten. Denn dahinter steht ja ebenfalls ein Er­kenntnisinteresse, auf den spezifischen Charakter von Begriffen und Ide­en hin orientiert. Jenen geistigen Wahrnehmungen die an den Menschen herantreten, und so lange als Wahrnehmung aufzufassen sind, bevor sie von dem tätig erarbeiteten Begriff erfaßt sind. Steiners Aussa­gen dazu sind so zahlreich, dass sie hier nicht alle angeführt werden können. Nur einige exemplarische Fälle:

  • "Der Geist nimmt also den Gedankengehalt der Welt wahr, wie ein Auffassungsorgan. Es gibt nur einen Gedankeninhalt der Welt. Unser Bewußtsein ist nicht die Fähigkeit, Gedanken zu er­zeugen und aufzubewahren, wie man so vielfach glaubt, sondern die Gedanken (Ideen) wahrzunehmen." (Grundlinien einer Er­kenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, GA-2, 2003, Kap. 13, S. 76 f)

  • "Wer dem Denken seine über die Sinnesauffassung hinausgehen­de Wahrnehmungsfähigkeit zuerkennt, der muß ihm notgedrun­gen auch Objekte zuerkennen, die über die bloße sinnenfällige Wirklichkeit hinaus liegen. Die Objekte des Denkens sind aber die Ideen. Indem sich das Denken der Idee bemächtigt, ver­schmilzt es mit dem Urgrunde des Weltendaseins; das, was außen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein: er wird mit der objekti­ven Wirklichkeit auf ihrer höchsten Potenz eins. Das Gewahrwer­den der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen. Das Denken hat den Ideen gegenüber dieselbe Bedeu­tung wie das Auge dem Lichte, das Ohr dem Ton gegenüber. Es ist Organ der Auffassung." (Einleitungen in Goethes Naturwis­senschaftliche Schriften, GA-1, 1987, S. 125 f)

  • "Das objektiv Gegebene deckt sich durchaus nicht mit dem sinn­lich Gegebenen, wie die mechanische Weltauffassung glaubt. Das letztere ist nur die Hälfte des Gegebenen. Die andere Hälfte des­selben sind die Ideen, die ebenso Gegenstand der Erfahrung sind, freilich einer höheren, deren Organ das Denken ist." (GA-1, 1987, S.125).

  • "Der Ideengehalt der Welt ist auf sich selbst gebaut, in sich voll­kommen. Wir erzeugen ihn nicht, wir suchen ihn nur zu erfassen. Das Denken erzeugt ihn nicht, sondern nimmt ihn wahr. Es ist nicht Produzent, sondern Organ der Auffassung." (GA-1, 1987, S. 164)

  • Das objektiv Gegebene deckt sich durchaus nicht mit dem sinn­lich Gegebenen, wie die mechanische Weltauffassung glaubt. Das letztere ist nur die Hälfte des Gegebenen. Die andere Hälfte des­selben sind die Ideen, die ebenso Gegenstand der Erfahrung sind, freilich einer höheren, deren Organ das Denken ist. Auch die Ide­en sind für eine induktive Methode erreichbar.“ (GA-1, Dornach 1987, S. 126)

Auch bei dieser ideellen Wahrnehmung fallen Wahrnehmung und Begriff zusammen, wie Steiner ausführt: "Im menschlichen Bewußtsein ist der Begriff selbst das Wahrnehmbare. Anschauung und Idee decken sich. Es ist eben das Ideelle, welches angeschaut wird." (GA-1, 1987, S. 284) Da scheint jetzt auch etwas zusammen zu fallen. Insofern, als sich Anschau­ung und Idee decken.

Das Ideelle, Begriffliche ist bekanntlich bei Steiner ebenfalls ein «Wahr­nehmungsgegenstand» für das menschliche Denken. In welchem Verhält­nis steht jetzt dieses «sich Decken» von Wahrneh­mung und Begriff zu je­nem «Zusammenfallen», von dem in den Zu­sätzen der Philosophie der Freiheit von eingangs Kap. IX hier S. 101 die Rede ist?: “Im Be­trachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auftreten muß: Begriff und Wahrnehmung.“? Man könnte leicht zu der Auffassung gedrängt werden, es sei in all die­sen oben aufgezähl­ten Fäl­len jeweils vom selben Sachverhalt die Rede, wo der Begriff eben «wahr­genommen» wird. Das ist aber nicht der Fall. Das heißt: die Wahrnehm­ung oder Beobachtung von Begriffen und Ideen ist nicht per se das­selbe wie die Beobachtung des Denkens. Denn bei der Beobachtung des Den­kens haben wir es vorrangig mit jenem begreifenden «Prozess zu tun, durch den Begriffe und Ideen erst gewonnen werden», um Steiners obige Differenz zu Hegel noch einmal aufzunehmen. Während es uns bei der Wahrnehmung von Begriffen und Ideen zunächst keineswegs vorrangig um den Prozeß geht, durch den sie erst gewonnen werden. Sondern Denkprozesse zielen vorrangig auf etwas Ideelles, Begriffliches. Der konkrete Prozeß des Denkens interessiert den Denker dabei in der Regel am aller­wenigsten. Und wie Sie beim oben zitierten Karl Bühler, S. 297 lesen können, glaubten die meisten Philosophen und Psychologen seiner Zeit (um 1907 /08), dass es beim Denken ohnehin nichts zu erleben gab. Erst wenn der Denker sich in den oben behandelten «Ausnah­mezustand» der gegen­überstellenden Betrachtung versetzt, was auch Bühler damals an­hand von Versuchspersonen tat, wird der Prozeß des (eigenen) Den­kens zum Thema und zum empirischen Untersu­chungsgegenstand für ihn, wie es das dritte Kapitel der Philosophie der Freiheit darlegt. Womit Steiner seiner Zeit schon in den Grundlinienvon 1886 um rund 20 Jahre voraus voraus war.

Es gibt in Steiners Frühschriften zwei Formen des Zusammenfallens von Wahrnehmung und Begriff, die man miteinander folgenreich verwech­seln könnte. Nämlich dann, wenn man aus sprachlichen Gründen die eben zitierten «begrifflichen Wahrnehmungen» mit der «Wahrnehmung der Aktivität des Denkens» ver­wechselt, von der Steiner ebenfalls seit 1886 regelmäßig spricht. Und die er in der Ergänzung von 1918 zu Be­ginn des IX Kapitels der Philosophie der Freiheit im Zusammenhang mit der Beobachtung des Denkens dahingehend thematisiert, daß bei der Be­obachtung des Denkens zusammenfällt, was sonst immer getrennt auftreten muß – nämlich Begriff und Wahrnehmung. Bei der Beobach­tung des Denkens liegen diese dagegen ungetrennt vor. Nämlich die Wahrneh­mung des Denkens und der Begriff des Denkens, der uns bei der Beob­achtung des Denkens im Rahmen der Untersuchung aufgeht. Was eigentlich nicht schwer zu verstehen sein sollte, da der Denker ja bei der Beobachtung des Den­kens sein beob­achtendes Denken ebenfall erlebt, respektive wahrnimmt. Die Präzisie­rungen Steiners im IX Kapitel der Philosophie der Freiheit von 1918 fal­len im Vergleich zu ihrer Erstauflage von 1894, – damals war es das X. Kapitel, - ganz besonders ins Auge. Während der Denker, der Begriffe und Ideen für sich beobachtet, natürlich ebenfalls von sei­ner Aktivität eine Wahrnehmung haben kann, denn ohne diese Aktivität würde er gar keine Begriffe wahrnehmend bilden können, wie es Steiner im Zusammenhang mit dem intuitiv erlebten Denken in den späteren Zusätzen noch einmal präzisierend formuliert (hier S. 181).

Man kann sich den Unterschied zwischen einer rein ideellen Wahrneh­mung und einer Wahrnehmung der Denk-Aktivität mit Blick auf das Zu­sammenfallen von Wahrnehmung und Begriff für`s erste auf folgendem Wege verdeut­lichen: Jeder Denker, der dem In­halt von Begriffen und Ideen nachspürt, nimmt sie nach Steiners Auffas­sung ge­nau genommen wahr. Bei ihm kommen Wahrnehmung und Be­griff in dem vorhin ge­nannten Sinne zur Deckung, insofern Begriffe und Ideen eben «wahrge­nommen» werden. Nur: - der Denker weiß in der Re­gel nichts davon. Er kann sein Leben lang weitläufig und gewis­senhaft mit diesen Entitäten Umgang pflegen und kommt doch nie dahin­ter, daß er unabhängiges Ide­elles wahr­nimmt, son­dern glaubt womöglich, es sei sein subjektives Er­zeugnis, eine Konstruk­tion oder dergleichen. Vielleicht gar ein kausales Ereignis seiner Hirnphyiologie, wie damals und heute re­gelmäßig von den Materialisten behauptet wird. Und nicht eine eigen­ständige, auf sei­nen eigenen Gesetzen beruhende Wesenheit, die er da hand­habt. Oder er ist vielleicht erst auf dem Wege zu dieser Einsicht, wie der renommierte bri­tische Ma­thematiker, Physiker und Kosmologe Roger Penrose, der die von Steiner betonte Wahrnehmbarkeit zumindest für ma­thematische Ide­en in seinem Buch Computerdenken (Heidelberg 1991, S 92 ff; S. 418) öffentlich an­erkennt. Der Schritt Steiners über Penrose hin­aus geht dahin, beispiels­weise für die Idee der Freiheit dieselbe Eigen­ständigkeit einzu­räumen, wie sie Penrose auf S. 93 für die Mandelbrot-Menge kon­zediert. 107b Der Beobachter von Begriffen und Ideen kann also den In­halten dieser Entitäten erfolgreich nachgehen, ohne auch nur die gerings­te Ah­nung davon zu haben, was er da eigentlich tut und in welchem Ver­hältnis diese Gegenstände zu ihm als Denker stehen, weil sein Erkenntnisinteress­e restlos auf die Inhalte des Denkens hinorientiert ist und nicht auf die spe­zifischen Bedingungen oder Umstände ihres Da­seins. Oder um Steiners Hegelbemerkung noch einmal präzisierend anzu­führen: Nicht auf den Prozeß, durch den Begriffe und Ideen erst gewon­nen werden.

Nun ist eben laut den Zusätzen von 1918 zur Philosophie der Freiheit mit den darin enthaltenen Erweiterungen des Wahrnehmungsbe­griffs im Kap. VII (hier S. 133; alternativ hier S. 94) die Sachlage die, „daß hier alles sinnlich und geistig an den Menschen Herantretende als Wahr­nehmung aufgefaßt wird, bevor es von dem tätig erarbeiteten Begriff er­faßt ist.“ Je­der Begriff ist zugleich auch eine geistige Wahrnehmung. Was aus die­ser Perspektive trivial, weil per definitionem selbstverständlich ist. Wer also «Begriffe und Ideen mit dem Denken wahrnimmt, wie das Auge das Licht», wie oben dargetan, der hat es laut Steiner mit geistigen «Wahr­nehmungen» zu tun. Denn nichts anderes sind Begriff und Ideen, aus Steiners Sicht. Begrif­fe und Ideen, die an den Denker bewusstseinsphä­nomenologisch betrach­tet als geistige Wahrneh­mungen herantre­ten, «be­vor sie vom tätig erfaß­ten Begriff erarbeitet worden sind». Der Begriff fällt zunächst dem Men­schen seinem Inhalt nach als «Wahrneh­mung» oder «reine Erfahrung» ins denkende Bewußtsein. Was dem gewöhnlic­hen Denker dabei natür­lich nicht zugleich und unmit­telbar neben dem Begriffsinhalt ins Bewußt­sein fällt, ist der Wahrnehmungs­charakter von Begriffen und Ideen, oder der Charakter seiner «Denktätig­keit als tätigem Gedankengehalt der Welt» und so weiter und so fort. Das muss er sich natürlich alles erst ge­sondert klar ma­chen, wie jeder verstehen wird. Er muß also alles, was ihm über das täti­ge Denken zunächst als blo­ßer Be­griffsinhalt bewußt wird, zum Gegenstand neuerli­cher Denkarbeit ma­chen, um zu weitergehenden Auffassungen darüber zu gelangen: Dass Begriffe und Ideen wiederum rezeptiv und doch tätig gewonnene «Wahr­nehmungen» des Denkens sind und keine mechanistischen Ausschwit­zungen des Hirns, muß ich mir schließlich auch erst klar machen auf dem Wege der empi­rischen Selbstbeob­achtung meines Denkens. Dann kann ich dazu die ent­sprechenden empirischen Belege vorweisen. Wie ich mir ebenso erst klar machen muß, daß die menschliche Denktätigkeit der «kraftende Gedankengehalt der Welt» ist, wie es im Kap. 8 der Grundli­nienheißt. Oder dass „der menschliche Wille die «Idee selbst ist, die­se als Kraft aufgefaßt», (Einleitungen Goethes Natur­wissenschaftliche Schriften, hier S. XLV; alternativ hier in GA-1, Dornach 1987, S. 197)

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Auf der einen Seite haben wir also den Wahrnehmungscharakter von Be­griffen und Ideen bei Steiner ausgesprochen. Und insofern heißt es dann auch mit Recht: „Im menschlichen Bewußtsein ist der Begriff selbst das Wahrnehmbare. Anschauung und Idee decken sich. Es ist eben das Ideel­le, welches angeschaut wird." (GA-1, 1987, S. 284) Hier fallen also Wahrnehmung (Anschauung) und Begriff zusammen, weil der Begriff selbst als eine geistige Wahrnehmungsgegebenheit betrachtet wird. Daß Wahrnehmung und Begriff zusammenfallen ist vor diesem Hintergrund selbstverständlich. Wie sollte es anders sein?

Nun gibt es wie schon erwähnt bereits im Kapitel IV der Philosophie der Freiheit eine be­merkenswerte Klarstellung Steiners, die gegenüberstel­lende Betrachtung des Denkens betreffend. Insoweit, als er im Zusam­menhang mit Hegel deutlich macht, daß es ihm (Steiner) nicht um Be­griffe und Ideen geht, sondern um das Denken geht, durch welches Be­griffe und Ideen erst gewonnen wer­den. Steiner geht erkenntnistheoreti­sche be­kanntlich ja nicht wie Hegel von Begriffen und Ideen aus, son­dern vom Denken, durch welches Begriffe und Ideen erst gewonnen / wahrgenom­men werden, wie er im Kapitel IV der Philosophie der Frei­heit darlegt: „Ich muß einen besonderen Wert darauf legen, daß hier an dieser Stelle beachtet werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeich­net habe und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken gewon­nen werden. Diese setzen das Denken bereits voraus. Es kann daher, was ich in bezug auf die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe übertragen werden. (Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ur­sprüngliches.)“ (hier S. 57 f ;alternativ hier S. 37).

Bei der Beobachtung des Denkens geht es also nicht mehr darum, sich den Inhalt von Begriffen auf einer rein sematischen, logischen oder meta­physischen bzw. erkenntniswissenschaftlichen Ebene klar zu machen, sondern darum, sich die produktiv-schöpferischen Ei­gentümlichkeiten des Denkens selbst klarzumachen, durch welche Be­griffe und Ideen erst gewonnen werden, wie Steiner kontrastierend zu Hegel ausführt. Wieder­um kann „die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens ... nicht einfach auf die Begriffe übertragen werden“, wie Stei­ner dort ausdrücklich bemerkt. Die in sich selbst ruhende Natur des Den­kens liegt in der Selbsterklärungsfähigkeit jenes Prozesses, durch den Be­griffe und Ideen erst gewonnen werden. Während Begriffe und Ideen als solche, so wie sie uns vorliegen, sich nicht selbst erklären können. Wie soll das auch gehen? - Sondern dabei von dem Prozess des Denkens ab­hängen, der sich selbst zu erklären vermag, und sie zur Erscheinung bringt.

Wenn jetzt hier, bei der Beobachtung des Denkens, «Wahrnehmung und Begriff zusammenfallen», dann haben wir eine ganz andere Sachlage, als wenn wir nur Begriffe und Ideen als Wahrnehmungen be­trachten. Denn wenn wir das Denken beobachten, dann beobachten wir insbeson­dere auch jenen Produkti­onsprozeß, durch den Begriffe und Ideen erst ge­wonnen werden, wie Steiner gegen­über Hegel geltend macht. Das hat natürlich auch Konse­quenzen für Ver­ständnis des Zusammenfallens von Begriff und Wahr­nehmung bei der Beobachtung des Denkens. Es geht da näm­lich nicht um sich selbst erklä­rende Begriffe und ihre Zusam­menhänge, die sich laut Steiner aber gar nicht selbst erklären können, son­dern um ein sich selbst erklärendes Denken. Also um jenen Produk­tionsprozeß, durch den Be­griffe und Ideen erst gewonnen werden, wie es sei­tens Steiner gegenüber Hegel heißt. Dieser Produktionsprozeß, «durch den Begriffe und Ideen erst gewonnen werden», soll sich jetzt selbst er­klären. Und das geschieht erfolgreich, «weil Wahrnehmung und Begriff des Produktionsprozesses beim Be­trachten des Denkens zusammenfal­len». - Was heißt das jetzt wenn hier Wahrnehmung und Begriff zusam­menfallen? - Es bedeutet, daß die Wahr­nehmung und der Begriff jenes Pro­duktionsprozesses zusam­menfallen, durch den Begriffe und Ideen erst gewonnen werden. Das aber ist der Begriff des Denkens. Oder zurück­haltender und realistischer gesprochen: Dasjenige, was wir vom Denken je­weils begreifen, wenn wir die Erfahrungen des Denkens denkend be­trachten.

Hören wir noch einmal Steiner vom Beginn des Kapitels IX der Philoso­phie der Freiheit:

Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem herausheben. Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der Sache selbst bestimmt. [] Anders stellt sich der Vorgang dar, wenn die Erkenntnis, wenn das in ihr auftretende Verhältnis des Menschen zur Welt betrachtet wird. In den vorangehenden Ausführungen ist der Ver­such gemacht worden, zu zeigen, daß die Aufhellung dieses Verhältnis­ses durch eine auf dasselbe gehende unbefangene Beobachtung möglich ist. Ein richtiges Verständnis dieser Beobachtung kommt zu der Einsicht, daß das Denken als eine in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar an­geschaut werden kann. Wer nötig findet, zur Erklärung des Denkens als solchem etwas anderes herbeizuziehen, wie etwa physische Gehirnvor­gänge, oder hinter dem beobachteten bewußten Denken liegende unbe­wußte geistige Vorgänge, der verkennt, was ihm die unbefangene Beob­achtung des Denkens gibt. Wer das Denken beobachtet, lebt während der Beobachtung unmittelbar in einem geistigen, sich selbst tragenden We­sensweben darinnen. Ja, man kann sagen, wer die Wesenheit des Geisti­gen in der Gestalt, in der sie sich dem Menschen zunächst darbietet, er­fassen will, kann dies in dem auf sich selbst beruhenden Denken. [] Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst im­mer getrennt auftreten muß: Begriff und Wahrnehmung. Wer dies nicht durchschaut, der wird in an Wahrnehmungen erarbeiteten Begriffen nur schattenhafte Nachbildungen dieser Wahrnehmungen sehen können, und die Wahrnehmungen werden ihm die wahre Wirklichkeit vergegenwärti­gen. Er wird auch eine metaphysische Welt nach dem Muster der wahr­genommenen Welt sich auferbauen; er wird diese Welt Atomenwelt, Willenswelt, unbewußte Geistwelt und so weiter nennen, je nach seiner Vorstellungsart. Und es wird ihm entgehen, daß er sich mit alledem nur eine metaphysische Welt hypothetisch nach dem Muster seiner Wahrneh­mungswelt auferbaut hat. Wer aber durchschaut, was bezüglich des Den­kens vorliegt, der wird erkennen, daß in der Wahrnehmung nur ein Teil der Wirklichkeit vorliegt und daß der andere zu ihr gehörige Teil, der sie erst als volle Wirklichkeit erscheinen läßt, in der denkenden Durchset­zung der Wahrnehmung erlebt wird. Er wird in demjenigen, das als Den­ken im Bewußtsein auftritt, nicht ein schattenhaftes Nachbild einer Wirk­lichkeit sehen, sondern eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftig­keit. Und von dieser kann er sagen, daß sie ihm durch Intuition im Be­wußtsein gegenwärtig wird. Intuition ist das im rein Geistigen verlaufen­de bewuß­te Erleben eines rein geistigen Inhaltes. Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden.“

Vorläufiger Stand der Überarbeitung vom 27.04.22

Anthroposophischen Autoren scheint dies nicht immer hinreichend deut­lich zu sein. Wenn Günter Röschert in seinem Buch (Anthroposophie als Aufklärung, München 1997, S. 41) mit Blick auf eine Textstelle des drit­ten Kapitels der Philosophie der Freiheit schreibt, das Denken sei "intim bekannt ohne Beobachtung", so ist diese Angabe sicherlich etwas irrefüh­rend oder zumindest nicht glücklich gewählt. Röschert schreibt dort : "Der wirklich herbeigeführte Ausnahmezustand macht aber mittelbar darauf aufmerksam, daß das Denken intim bekannt ist ohne Beobach­tung, nämlich durch Intuition." Röschert verwechselt hier wie mancher andere Steinerinterpret das «Können» des Denkens mit seiner «intimen Bekanntheit». Und die Frage stellt sich in solchen Fällen natürlich, war­um wir durch Beobachtung erst kennenlernen müssen, was angeblich längst intim bekannt ist. (Bei Jaap Sijmons stellt sich dieselbe Frage.)

Ich meine das trifft in dem von Röschert genannten Sinne nicht zu. Die intime Bekanntheit kann gar nicht zutreffen, wenn er das Denken erst durch Beobachtung kennen lernen will, wie ausdrücklich ja im Kapitel Drei der Philosophie der Freiheit gesagt wird. Analoges gilt laut zeitge­nössischen Denkpsychologen wie Bühler, die Vergleichbares berichten. (Siehe hier seine Untersuchung von 1907 f. Hier auch die Teile II und III bei Wilhelm Humerez) Weder für Steiners Begründungen selbst, noch für die zeitgenössische Denkpsychologie ist das Denken intim bekannt ohne Beobachtung. Wie gesagt: Nicht das Denken ist intim bekannt, son­dern seine Inhalte! Und auch diese nur in ihrer bloßen In­haltlichkeit, nicht aber in ihrem Verhältnis zum denktätigen Ich oder in sonstigen Ei­genschaften, so daß von einer intimen Bekanntheit des Den­kens gar keine Rede sein kann. Das selbe Mißverständnis scheint mir auch hinter einer Bemerkung Röscherts zu stecken, die er im Rahmen seiner Husemann-Kritik macht, wenn er dort schreibt, das heuristische Prinzip des soge­nannten Ausnahmezustandes habe bei Steiner die Aufga­be, "auf die be­obachtungsfrei mögliche Intuition des Denkens als An­schauung hinzu­führen". (Siehe: Günter Röschert, Anthroposophische Ge­genaufklärung, in Jahrbuch für anthroposophische Kritik, 2000, S. 176.) Auch hier soll nach Steiner angeblich das Denken beobachtungsfrei, durch Intuition an­geschaut werden. - Nun Steiners «Ausnahmezustand» aus der Philoso­phie der Freiheit dient bei Steiner nur dem Begreifen des Denken, indem sich der Denker denkend den Erfahrungen seines Den­kens gegenüber­stellt. (Siehe dazu etwa unsere Studie hier ab S. 1206 ff.)

Es scheint sich hier bei der Auffassung Röscherts um eines der hartnä­ckigsten Mißverständnisse von Anthroposophen bezüglich der Beobach­tung des Denkens, beziehungsweise hinsichtlich der Interpretation des dritten Kapitels der Philosophie der Freiheit zu handeln.

Bei Röschert wird wie gesagt die Bekanntheit der gedanklichen Inhalte (das unmittelbare Wissen im Sinne des dritten Kapitels der Philosophie der Freiheit, S. 44) mit der Bekanntheit des Denkens verwechselt. Bei Steiner heißt es auf S. 44 diesbezüglich: "Der Grund, der es uns unmög­lich macht, das Denken in seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden andern Prozeß der Welt. Eben weil wir es selbst hervorbringen, kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht kommende Geschehen vollzieht. Was in den übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Ver­hältnis der einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare Weise. Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt, weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Be­griff Donner mit dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der beiden Begriffe." - Um das Denken zu können und zu wissen wie ich dabei verfahre, brauche ich es nicht zu beobachten, sondern ich kann es eben einfach. Und das ist ja für jeden denkenden Menschen der Normalzustand. (aktueller Stand 10.03.22)

Steiner spricht an der von Günter Röschert angeführten Textstelle keines­wegs davon, daß das Denken "intim bekannt sei ohne Beobachtung", sondern er sagt lediglich, daß wir das "Charakteristische seines Verlaufs" kennen - also einen ganz basalen, wesentlichen, typischen, aber verein­zelten Aspekt des Denkens, neben dem es eine endlose Zahl weiterer gibt, die wir noch nicht kennen. Es bedeutet nicht, daß wir damit schon über jedes denkpsychologische, bewußtseinsphänomenologische oder lo­gische Detail des Denkverlaufs bescheid wissen.

Ins Umgangssprachliche übersetzt: Wir wissen welche gedanklichen Wege zu beschreiten sind, um von einem Begriff zum nächsten zu kom­men, wie es Steiner entsprechend am Beispiel von Blitz und Donner de­monstriert. Diese Kenntnis des charakteristischen Denkverlaufs haben wir - und zwar notwendigerweise, denn sonst könnten wir gar nicht den­ken - "ganz unmittelbar" - das heißt: ohne vorangehende Beobachtung des Denkens. Läge sie nicht in dieser unmittelbaren Form vor, wir könn­ten sie der Beobachtung des Denkens ja niemals entnehmen, da wir dann eben auch über keine begrifflichen Inhalte verfügten.

Noch einmal anders gewendet: Das Verfügen über begriffliche Inhalte überhaupt ist gleichbedeutend mit der Kenntnis der Gedankenwege, die bei ihrem Durchdenken zu gehen sind. Das Wissen um diese Inhalte ist dasselbe wie das Wissen um die Gedankenwege - oder wie Steiner sagt: den "charakteristischen Denkverlauf". Ein Begriff ist aus Steiners Per­spektive zugleich eine mentale Handlungsanweisung, ein Verlaufsplan beziehungsweise eine Regel des Denkens. Und diese Kenntnis wiederum ist erst die Vorbedingung oder die Grundlage dazu, das Denken "intimer und unmittelbarer zu erkennen als jeden anderen Gegenstand". Von einer "intimen Bekanntheit" des Denkens ließe sich doch erst sprechen, wenn sich unser Wissen zumindest auf einen beträchtlichen Teil seiner noch unbekannten Seiten erstreckt. Also: - die Kenntnis der charakteristischen Seite des Denkverlaufs ist schon noch etwas anderes als eine "intime Be­kanntheit des Denkens".

Steiner zielt hier auf die unmittelbare Bekanntheit der gedanklichen In­halte ab und das ursprüngliche - man könnte sagen: archaische - Wissen darum, was zu tun ist, um von Begriff A nach Begriff B zu kommen. Die­ses Wissen ist so naturhaft-elementar, daß Schopenhauer der Auffassung war, es sei überhaupt sinnlos mit Hilfe der Logik richtiges Denken zu ler­nen oder jemandem beizubringen. Die Logik, schreibt er, sei "bloß das Wissen in abstracto dessen, was jeder in concreto weiß. Daher so wenig als man sie braucht, einem falschen Räsonnement nicht beizustimmen, so wenig ruft man ihre Regeln zu Hilfe, um ein richtiges zu machen, und selbst der gelehrteste Logiker setzt sie bei seinem wirklichen Denken ganz beiseite. ... Praktischen Gebrauch von der Logik machen wollen, hieße also das, was uns im einzelnen unmittelbar mit der größten Sicher­heit bewußt ist, erst mit unsäglicher Mühe aus allgemeinen Regeln ablei­ten wollen: Es wäre gerade so, wie wenn man bei seinen Bewegungen erst die Mechanik und bei der Verdauung die Physiologie zu Rate ziehen wollte; und wer die Logik zu praktischen Zwecken erlernt, gleicht dem, der einen Biber zu seinem Bau abrichten will." (Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 1, Leipzig 1888, § 9, S. 53 f.)

Richtig denken kann also im Prinzip jeder von Natur aus, weil er die In­halte seiner Begriffe kennt. Deswegen ist er allerdings noch längst kein Logiker, der über die logischen Gesetze seines Denkens oder seine sons­tigen Eigenschaften Auskunft geben könnte. Dieses natürlich-unmit­telbare Wissen ist, um es noch einmal zu sagen, nach Steiner explizit erst die Voraussetzung dazu, um das Denken intimer zu erkennen als jeden anderen Gegenstand und nicht etwa schon die Erkenntnis selbst. Die Er­kenntnis des Denkens hat erst noch stattzufinden.

In einen vergleichbaren Fehlschluß wie Günter Röschert verfällt auch Jaap Sijmons in seiner anspruchsvollen Dissertation Phänomenologie und Idealismus, Utrecht 2004. Sijmons Arbeit könnte gleichermaßen An­laß zur Bewunderung wie zur Verzweiflung sein. Zur Bewunderung we­gen der enormen Fülle an Details, die er da so sorgsam und kenntnisreich zusammenträgt. Es ist nach meinem Verständnis eine der gediegendsten und ertragreichsten Arbeiten, die seit vielen Jahren zur Einbettung der Steinerschen Philosophie in ihren zeitgeschichtlichen philosophischen Kontext veröffentlicht wurde. Sie hat auf jeden Fall ihren Wert in sich, ganz unabhängig von der Kritik, die ich hier anbringe. Und zur Verzweif­lung gibt sie Anlaß, weil offenkundig wird, daß auch das Anrufen aller Heiligen der Philosophiegeschichte kaum etwas nützt, das dritte Kapitel der Philosophie der Freiheit in seinem Kern - der Beobachtung des Den­kens - und damit die entscheidende Verbindung zwischen Philosophie und Anthroposophie, aber auch die eigentliche Grundlage der Steiner­schen Freiheitsphilosophie im sich selbst erkennenden und tragenden Denken zu begreifen. Gerade die beeindruckende Gründlichkeit, mit wel­cher der Autor vorgeht, rückt diese Tatsache in ein besonders grelles Licht. Es scheint manchmal so, als ob ihm durch die vorrangige Beschäf­tigung mit den Grundfragen der Philosophie die Sicht verstellt wird auf die einfachsten und alltäglichsten Tatbestände des gewöhnlichen Be­wußtseins, von denen im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit ja die Rede ist. Manchen guten Faden hält er in der Hand, aber er bekommt sie noch nicht zusammen. Und am Ende haben sich die Dinge teilweise bis ins Absurde hinein verwickelt und verwirrt.

Dazu nur ein Beispiel: Sijmons kommt ähnlich wie Günter Röschert auf S. 326 anhand der von Steiner betonten Tatsache, daß wir das Charakte­ristische des Denkverlaufs kennen, zu dem Schluß, das Denken sei "sich ... das best Bekannte überhaupt". Fügt dann hinzu: "Ohne dass wir das Denken kennten, gäbe es ja auch keine Erkenntnis (Denken) über et­was anderes. Wie sollte es nun unbekannt sein? Weil wir es hervorbrin­gen, ist es uns bekannt." Das scheint bei diesem Text irgendwie nahelie­gend, aber es stimmt eben nicht, bzw. diese Interpretation greift daneben - und zwar gründlich.

Der Autor setzt hier faktisch das Können des Denkens mit dem Kennen des Denkens gleich. Ein jeder, der denken kann, kennt auch das Denken, weil er es selbst hervorbringt. Und zwar unvergleichlich gut, sonst wäre es nicht das best Bekannte. Zudem wird hier die Bekanntheit des Den­kens zur Voraussetzung von Erkenntnis überhaupt erhoben. Das heißt: Wer das Denken nicht erkannt hat, der erkennt auch nichts anderes. Und ich glaube, das alles liegt sehr weit abseits von dem, was Steiner in der Passage meint.

Möglich, daß Sijmons selbst zwischen Bekanntheit und Erkenntnis des Denkens noch einmal differenziert. In der Philosophie wird ja gelegent­lich etwas hintersinnig zwischen Kennen und Erkennen unterschieden. Ich sehe allerdings nicht, daß Steiners Erkenntnisbegriff Raum für eine solche Unterscheidung ließe. Man könnte vielleicht eine vereinzelte Pas­sage Steiners aus dem Fichte-Kapitel von Wahrheit und Wissenschaft (S. 85) in diese Richtung deuten, vor dem Hintergrund, daß diese Schrift schon dem Titel und auch der Vorrede nach vorrangig dem wissenschaft­lichen Erkennen gewidmet ist. So daß sich das vorwissenschaftlich Be­kannte von einem wissenschaftlich Erkannten abgrenzen ließe. Wie sich das allerdings stringent Steiners Erkenntnistheorie eingliedern läßt, bleibt mir eine Frage. Denn was bekannt ist, muß in irgend einer Weise schon begrifflich durchdrungen sein, sonst wäre es nicht bekannt; und ein best Bekanntes gar muß dies mehr sein als alles andere sonst. Und in der Phi­losophie der Freiheit schließlich wird eine derartige explizite Fokussie­rung auf wissenschaftliches Erkennen - siehe die Vorrede von 1918 und das Ende von Kapitel II. - auch nicht mehr vorgenommen. Dort ist zwar die Untersuchungsmethode dem Geiste der Naturwissenschaft verpflich­tet; untersucht aber wird das ganz alltägliche Bewußtsein "wie sich das­selbe stündlich darlebt." (S. 35)

Bezogen auf die oben erwähnten begrifflichen Inhalte: Wer über Begriffe verfügt, und somit denken kann, der verfügt eben nur über Begriffe in ih­rer inhaltlichen Form, aber er hat kein Metawissen über Begriffe, weil er sich damit noch nie gedanklich befaßt hat. Er kennt also keine Begriffe, - weiss nicht, was sie sind und welche allgemeinen Eigenschaften sie ha­ben -, sondern er hat nur welche.

Das ist ein entscheidender Unterschied, der in der Umgangssprache oft nivelliert wird. Und das läßt sich paradigmatisch auf alle Eigenarten des alltäglichen Denkens ausdehnen. Logische Gesetze z. B. kennt auch nie­mand, der sie nicht eigens studiert, obwohl jedes klare Denken eines logi­schen Laien sich daran orientiert. Steiner selbst ist in dieser Beziehung schriftstellerisch nicht gerade entgegenkommend, wenn er in sehr miss­verständlicher Weise vom bekannten charakteristischen Denkverlauf spricht. Den nämlich kennt auch nur jemand, der sich darüber schon seine Gedanken gemacht hat. Nur dann hat er ein echtes (Meta)-Wissen von seinem Denkverlauf. Vorher übt er sein Denken aus oder vollzieht es, während das Charakteristische dieses Verlaufs ihm unbekannt bleibt als eines der zahllosen unbeobachteten Details unseres gewöhnlichen Den­kens.

Das kann übrigens der Leser jederzeit an seinem eigenen Denken studie­ren, indem er sich zu einem beliebigen Denkvorgang fragt: Was ist denn das Charakteristische meines Denkverlaufs? So ein Versuch ist nicht schwierig und in Eigenregie oder mit jedem Partner oder Freund durch­zuführen, aber er ist sehr erhellend. Wenn man sieben Personen nach dem Charakteristischen dieses Verlaufs fragt, dann wird man etwa fünf verschiedene Antworten bekommen. Oder auch fünfzehn, je nachdem, was den Befragten so an Sinnvollem dazu einfällt. Und: Man muß diese Dinge wirklich auch einmal tun, denn so eine Versuchserfahrung ist au­ßerordentlich aufschlußreich. Weil daran erkennbar wird, wieviel Ent­scheidungen und Urteilsunsicherheiten eine solche Frage im konkreten Fall nach sich zieht.

Klar gesagt: Kein Mensch kennt seinen charakteristischen Denkverlauf, es sei denn, er hat sich gründlich Gedanken dazu gemacht. Oder er be­zieht sein diesbezügliches Wissen wo anders her, z. B. aus der philoso­phischen Tradition. Und letzteres wird leicht vergessen. Dem Laien ist der Ausdruck charakteristischer Denkverlauf nicht a priori verständlich, und auch dem Fachmann nur dadurch in relativ eindeutiger Weise, weil Steiner anschließend selbst den erläuternden Hinweis auf die begriffli­chen Inhalte gibt. Ohne diesen spezifizierenden Fingerzeig hätte auch ein Experte für Denkverläufe mit ziemlicher Sicherheit mehrere Kandidaten im Gepäck mit Anspruch darauf, charakteristisch für den Denkverlauf zu sein. Wer vielleicht einmal Gelegenheit hatte die Denkuntersuchungen Karl Bühlers zu studieren (Vergl. Karl Bühler, Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge I., Über Gedanken. In: Archiv für die gesamte Psychologie, 9, 1907), der wird feststellen, daß dort eine ganze Reihe charakteristischer Denkverläufe beschrieben werden. Ver­gleicht man diese mit Steiners Schilderung, dann kann man zunächst den Eindruck bekommen, beide berichten von völlig verschiedenen Dingen, obwohl jeweils von Denkprozessen die Rede ist. Das muß nicht zwangs­läufig für oder gegen eine bestimmte Sichtweise sprechen. Es soll hier nur demonstrieren, daß es nicht selbstverständlich ist, was man unter ei­nem charakteristischen Denkverlauf versteht. Zur Klärung dieser Frage ist eben sehr viel Denkarbeit erforderlich; das heißt: es gibt keinen Er­kenntnisautomatismus in der Kennzeichnung bestimmter Bewußtseinser­scheinungen als charakteristischer Denkverlauf. Und schon gar nicht kann man davon ausgehen, daß diese Verläufe dem Denker ohne weitere Untersuchung bekannt sind.

Ich hoffe, daß es bald eine überarbeitete Ausgabe des erwähnten Buches für den deutschen Markt geben wird. Es wäre zu wünschen, daß der Au­tor diesen entscheidenden Part seiner Arbeit dann entsprechend überar­beitet hat. Ich werde zu gegebener Zeit ausführlicher darüber berichten.

(Eine kurze, aber sehr sachliche und lesenswerte Entgegnung auf die hier von mir vorgebrachte Kritik gibt Jaap Sijmons im Internet unter der Adresse http://ibs.modulaware.com/a/?m=select&id=3796522637
Dafür gilt ihm mein herzlicher Dank. Wenn ich ihm darin auch nicht zu­stimme, so halte ich seine Gedankengänge doch für bemerkenswert und der Klärung sehr dienlich. Vor allem für diejenigen unter meinen Lesern, die sich mit den dadurch aufgeworfenen Problemstellungen ernsthaft aus­einander setzen wollen.)

Wäre das Denken tatsächlich "intim bekannt ohne Beobachtung" oder sich das "Best Bekannte überhaupt", wozu sollten wir es dann noch ein­mal erkennen? - "Wir müssen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des Selbstgetanen zu seiner Erkenntnis zu kom­men." heißt es entsprechend in der Philosophie der Freiheit. (S. 49) War­um sollten wir "durch Beobachtung erst kennenlernen" (PdF, S. 39), was längst klar ist? Wieso etwa sollten wir es dann erst begreifen müssen? (PdF, S. 53) Der von jeder Beobachtung des Denkens Unberührte weiß gar nicht, was Begriffe und Ideen sind, so wenig wie er sagen könnte, was Denken ist, eine Intuition oder ein charakteristischer Denkverlauf. Und dennoch vermag er richtig zu denken. Er kennt also das Denken nicht, obwohl er es richtig handzuhaben versteht und weiß nichts von In­tuitionen, obwohl er sie ständig hat. Sinn und Zweck der Beobachtung des Denkens ist ja gerade, sich mit diesen speziellen Eigenarten und Ei­genschaften des Denkens bekannt zu machen. (Siehe hierzu auch Kapitel 6.1 in diesem Aufsatz.)

Wenn es irgend einen Sinn hat von einer Paradoxie des Denkens zu spre­chen, dann besteht sie darin, daß der Denker etwas mit so großer Sicher­heit und Selbstverständlichkeit handhabt, von dem er selbst so wenig weiß. (Siehe zu diesem Thema auch die sehr ausführliche und ertragrei­che empirische Studie von Merijn Fagard hier auf dieser Inter­netseite.)

Was hier in den letzten Abschnitten ausgeführt wurde, und, wie ich mei­ne, einleuchtend ist: - Die Philosophie der Freiheit stellt, bezogen auf das Denken, erst den Beginn einer Erkenntnis des Denkens dar - wird auch von Steiner in einem Vortrag von 1921 hervorgehoben. Er führt dort am 05. September 1921 in Stuttgart (GA-78, Dornach 1968, S. 141 ff ) aus, daß man vom Denken in der Philosophie der Freiheit "bis zu einem ge­wissen Grade sich eine Vorstellung, eine empirische Vorstellung ver­schaffen kann" (S. 141) Und er fährt dann (S. 142) fort: " aber was es [das Denken, MM] seinem Wesen nach ist, das läßt sich erst erkennen, wenn die wirkliche Intuition auf dem höheren Erkenntniswege in der Seele auftritt. Dann durchschaut man gewissermaßen dieses eigene Den­ken; ..." .

Man hat demnach zwischen verschiedenen Graden einer Erkenntnis des Denkens zu unterscheiden: Seiner mehr oder weniger anfänglichen Er­kenntnis, etwa im Sinne der Philosophie der Freiheit, und seiner umfas­senden Erkenntnis im Zuge der Ausbildung höherer Erkenntnisstufen. Das in der Wendung von Günter Röschert und Jaap Sijmons zutage tre­tende Mißverständnis mag vielleicht einer der Gründe dafür sein, warum sich Anthroposophen so wenig mit der Psychologie des Denkens befas­sen. Wer glaubens ist, das Denken sei ohne Beobachtung intim bekannt, dem ist gewiß schwerlich klar zu machen, daß er über das Denken eigent­lich sehr wenig weiß.

Schwerwiegender fast noch scheint mir an Röscherts Kennzeichnung zu sein, daß hier eine wesentliche Eigenschaft der Beobachtung des Den­kens übersehen wird - die Tatsache nämlich, daß sich auch diese Beob­achtung nur über Intuitionen vollziehen kann. Als Folge dieses Nicht-Be­merkens wird implizit eine substantielle Differenz zwischen Intuition und Beobachtung des Denkens unterstellt, die in Wirklichkeit nicht besteht. Tatsächlich sind beide wesensgleich, worauf sich nach Steiner überhaupt die Selbsterklärungsfähigkeit des Denkens gründet. Intuition ist nicht nur die Form, in der Begriffe und Ideen im allgemeinen wahrgenommen wer­den, sondern auch diejenige, in der das beobachtende Denken das Den­ken sieht. Da beobachtendes und beobachtetes Denken zwar zeitverschie­den aber wesensgleich sind, ist es folglich diejenige Form, in der das Denken sich selber sieht.

Steiner deutet bei seiner ersten Charakterisierung der Intuition (S. 95 PdF) schon auf diesen ihren Wahrnehmungscharakter hin, wenn er schreibt: "Sie [die Intuition] ist für das Denken, was die Beobachtung für die Wahrnehmung ist." Gemäß Steiners Kennzeichnung stehen Denken und Intuition in einem analogen Verhältnis wie Beobachtung und sinnli­che Wahrnehmung. Intuition und (Sinnes) Beobachtung entsprechen da­mit einander in gewisser Weise in ihren Funktionen. Was die eine in be­zug auf die sinnliche Welt leistet, das leistet die andere in bezug auf die ideelle Welt.

In seinem Aufsatz Intuition und Beobachtung (Siehe Anmerkung 66) er­läutert Herbert Witzenmann (S. 76), »Steiner nenne die besondere Art des Gegenüberstehens, in der [sinnliche] Wahrnehmungen einem Subjekt gegeben sind Beobachtung und die besondere Art des Gegenüberstehens, in der Begriffe und Ideen einem Subjekt gegeben sind Intuition.« Man kann Witzenmann hier - allerdings mit Einschränkungen - zustimmen. Mit Vorbehalt, weil seine Erläuterung zum Text der Philosophie der Frei­heit nicht vollständig kompatibel ist. Das liegt aber in diesem Fall an Steiners Sprachgebrauch, der nach allem, was ich erkennen kann, in sich nicht konsistent ist. 107c Auf jeden Fall scheint mir Witzenmanns Lesart in bezug auf diese Textstelle bislang die plausibelste zu sein. Steiners Charakterisierung der Intuition läßt sich dahingehend paraphrasieren: »Die Intuition ist für die Wahrnehmung von Begriffen und Ideen, was die Beobachtung für die Wahrnehmung der sinnlichen Welt ist.«

Nun gehört für Steiner das Denken der geistigen Welt an - es ist nämlich nichts anderes als kraftende, wirkende Idee. In den Grundlinien ... heißt es dazu: "Unsere Erkenntnistheorie führt zu dem positiven Ergebnis, daß das Denken das Wesen der Welt ist und daß das individuelle menschliche Denken die einzelne Erscheinungsform dieses Wesens ist." (GA-2, 1979 S. 79). Im selben Sinne etwas ausführlicher in der Schrift "Goethes Welt­anschauung (GA-6, Taschenbuchausgabe Dornach 1979, S. 86): "Die ei­gene Natur der Ideenwelt kann also der Mensch nur erkennen, wenn er seine Tätigkeit anschaut. Bei jeder anderen Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahr­nehmung außerhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wir­kendes und Bewirktes ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den gan­zen Prozeß restlos in seinem Innern gegenwärtig. Die Anschauung er­scheint nicht mehr von der Idee hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst Idee. Diese Anschauung des sich selbst Hervorbringenden ist aber die Anschauung der Freiheit. Bei der Beobachtung des Denkens durchschaut der Mensch das Weltgeschehen. Er hat hier nicht nach einer Idee dieses Geschehens zu forschen, denn dieses Geschehen ist die Idee selbst."

Wenn Ideen nur via Intuition wahrgenommen werden können, und das Denken selbst kraftende Idee ist, - genauer: die individuelle Erschei­nungsform des Weltwesens -, so gilt diese intuitive Form der Auffassung konsequenterweise auch für das Denken. Wie auch könnte das geistige Wesen der Welt anders wahrgenommen werden als eben geistig? Es nimmt sich folglich bei seiner Selbstbeobachtung über Intuitionen wahr. Das heißt, das Nachdenken über Erfahrungen des Denkens (gleich Beob­achtung oder Selbstbetrachtung des Denkens) führt zu Intuitionen des Denkens, das ist: zu seiner geistigen Wahrnehmung oder Anschauung. Das deckt sich übrigens mit einer Erläuterung, die Steiner in seiner Schrift Von Seelenrätseln (GA-21; Dornach 1976) zum Intuitionsbegriff der Philosophie der Freiheit macht, wenn er dort (S. 61) anläßlich einer Replik auf Max Dessoir schreibt: "Mir gilt eben Intuition nicht «bloß» als die «Form, in der ein Gedankeninhalt zunächst hervortritt», sondern als die Offenbarung eines Geistig-Wirklichen, wie die [sinnliche, MM] Wahrnehmung als diejenige des Stofflich Wirklichen." Das Denken, so läßt sich diese Erläuterung aufnehmen, offenbahrt sich dem betrachten­den oder beobachtenden Denken in seiner geistigen Wirklichkeit in Form von Intuitionen. Und zwar offenbahrt es sich hier nicht nur von seiner bloß ideell-inhaltlichen, sondern zugleich von seiner ideellen und kraftenden Seite als wirkende Idee, denn der gesamte Prozeß des Wir­kens ist restlos im Innern gegenwärtig. Und in dieser seiner kraftenden Natur wird Ideelles sonst eben nicht wahrgenommen, wo uns das Ding, in dem gewirkt wird, ein Äußeres bleibt. (Man kommt übrigens, wenn man diesen kraftenden Aspekt der Idee weiterverfolgt auf den Begriff des Äther- oder Bildekräfteleibes, der die eigentlich wirkende Instanz für das Denken ist. Zu diesem Thema siehe meine Arbeit über Walter Johannes Stein auf dieser Homepage.)

Analoges wie für Günter Röschert gilt auch für die Studie von Dietrich Rapp (Dietrich Rapp, Von der Intuition zur Erfahrung. Denkbeobachtun­gen über ihren inneren Zusammenhang. In: Karl-Martin Dietz (Hgr.), Ru­dolf Steiners "Philosophie der Freiheit", Stuttgart 1994, S. 223-256.) Auch bei ihm wird eigentlich nicht wirklich klar, was die Erkenntnis des Denkens ist und wie sie methodisch stattfindet. Rapp schreibt in enger Anlehnung an Steiners Darstellung unter anderem auf S. 232: "Mit einer weiteren Beobachtung vergewissert sich das Denken tiefer seines We­sens: Es macht sich nicht nur mit seiner Tätigkeit, sondern mit deren Ur­sprünglichkeit in seiner eigenen Wesenheit bekannt, indem es diese als einen «festen Grund» in sich ergreift, als «ein Prinzip, das durch sich selbst besteht» ... Das Denken entdeckt sich als ein «Weltgeschehen», «wo wir dabei sein müssen, wenn etwas zustande kommen soll» ... Indem das Denken sich selbst beobachtet, schließt es sich mit sich selbst zusam­men: «Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ derselbe wie die Tätig­keit, die sich auf ihn richtet.»" ... Dieser Vorgang kann mit dem Termi­nus <Denken des Denkens> beschrieben werden - wenn zugleich das Mißverständnis abgewehrt wird, als ob es sich dabei um eine nachträgli­che Reflexion von Gedankenzusammenhängen, um eine Art von Meta-Denken handelte." Bei Rapp wird alles recht anschaulich und sicher zu­treffend beschrieben, aber man hat den Eindruck, als lege sich etwas wie ein Nebel oder Schleier vor ein abschließendes Verständnis dessen, was die Beobachtung und Erkenntnis des Denkens der Sache nach ist.

Schauen wir uns einmal die Ausdrücke an, mit denen Dietrich Rapp das Beobachten oder "Denken" des Denkens umschreibt: Da ist (S. 232) von einer "Vergewisserung" die Rede und von einem "Beobachten"; von ei­nem "Sich Bekanntmachen" - es wird etwas "ergriffen" und etwas "ent­deckt" - ein "Zusammenschluß findet statt" - etwas wird "durchdrungen" - das Denken "stößt auf etwas" - es "kommt etwas zur Erfahrung" - das Denken "identifiziert sich mit etwas" - und es "erfaßt sich selbst". Das al­les sind gewiß hilfreiche und sachlich zutreffende Umschreibungen für die Tätigkeit des Sich-Selbst-Beobachtens und -Erkennens des Denkens. Aber wie macht das Denken das? Wie beobachtet es? Wie vergewissert es sich? Wie ergreift und entdeckt es? Wie stößt es auf etwas und durch­dringt dieses? - Es ist interessant zu sehen, daß Dietrich Rapp den Begriff der «Erkenntnis des Denkens» an dieser Stelle nicht explizit bildet, ob­wohl er ihn in Form von Metaphern beständig indirekt handhabt. Ich meine, das liegt daran, daß ihm das methodische Verfahren der Beobach­tung des Denkens noch nicht deutlich ist. Das wird vor allem auch bei­spielhaft an seiner Bemerkung sichtbar, das Mißverständnis solle abge­wehrt werden, "als ob es sich dabei um eine nachträgliche Reflexion von Gedankenzusammenhängen, um eine Art von Meta-Denken handelte." Denn eben das ist es - ein Meta-Denken über Denk-Erfahrungen, zu de­nen selbstverständlich (nicht nur, aber auch) die genannten Gedankenzu­sammenhänge gehören. Denn auch über diese muß eigens weiter nachge­dacht werden, wenn man zusätzlich zu ihrer bloßen Inhaltlichkeit mehr über sie wissen will.

Renatus Ziegler liegt da näher an den Tatsachen, wenn er in seinem Buch (Renatus Ziegler, Selbstreflexion, Dornach 1991, S. 99) an einem ausge­wählten Fallbeispiel hervorhebt: " ... das Gewahrwerden des Denkinhal­tes (Gesetz) muß von der Gewahrwerdung seiner inneren Notwendigkeit sowie Widerständigkeit und Unveränderlichkeit unterschieden werden. Diese Erlebnisse treten alle im selben Wahrnehmungsfelde auf und of­fenbaren sich durch das anschauend tätige Denken, müssen jedoch als voneinander verschiedene Erfahrungsinhalte erkannt und in ihrer unter­schiedlichen begrifflichen Bedeutung und Tragweite durchschaut wer­den." Deutlicher kann man es kaum sagen. Um sich dies klar zu machen, braucht man nur einen Menschen, der keinen spezifisch philosophischen Bildungsgang durchlaufen hat, nach den von Ziegler genannten Eigen­schaften von Begriffen zu fragen. Er wird angesichts einer derartigen Aufforderung sprachlos sein, weil er natürlich darüber apriori nichts weiß, obwohl er, wie schon betont, in der Lage ist richtig zu denken. Er muß die verschiedenen Aspekte des Denkens erst allmählich erkennen. Zieglers Bemerkungen sind folglich von exemplarischer Geltung: Die verschiedenen Erfahrungsdetails des Denkens sind jeweils gesondert für sich zu beurteilen und zu durchschauen. Wobei es im Beispiel ausdrück­lich um weitere Attribute von Gedankenzusammenhängen geht: Um das Gewahrwerden ihrer inneren Notwendigkeit sowie Widerständigkeit und Unveränderlichkeit - übrigens Eigenschaften, die wir zum Teil aus der Sphäre der seelischen Erlebnisse des Willens, sowie des Tastens und Be­rührens kennen, die jetzt auf die ideelle Wahrnehmung übertragen wer­den, so daß man hier durchaus von geistig-seelischen Tast- oder Berüh­rungserlebnissen sprechen kann. Ein Bild, das Ziegler auf S. 92 f selbst auch gebraucht: "Dieses <tätig-tastende> Eintauchen muß so geschehen, daß die zur Erscheinung gebrachten Begriffsinhalte konsequent in sich selbst reflektiert werden. Nur so kann die auf sich selbst beruhende Struktur rein gedachter Grundgesetze erfaßt werden, nur so wird sich ihre innere Natur der Denkerfahrung erschließen. Vergleichsweise verhält sich dieses denkende <Ertasten> zu den dabei tätig zur Anschauung ge­brachten Gesetzen wie das tastende Erfassen (tastende Anschauen) zur Gewahrwerdung des Reliefs einer Marmorstatue." Diese Eigenschaften ergeben sich aus dem denkenden Erleben von Gedankeninhalten, oder in Steiners Worten gesagt: aus einem intuitiven Erleben des Denkens. Sie müssen als seelische Erlebnisse bemerkt und begrifflich näher spezifi­ziert werden.

Das alles - Ziegler sagt das nicht explizit, aber es ergibt sich zwingend aus seiner Bewertung des Sachverhaltes - geht nur auf dem Wege von se­paraten Intuitionen. Den erforderlichen gedanklichen Aufwand stellt er auf den Seiten 94 ff klar heraus. An vielen Stellen seiner Schrift spricht er ausdrücklich und mit Recht von "Denk-Experimenten" ( etwa S. 24; S. 99; S. 178), denen er ab S. 85 ein ganzes Kapitel gewidmet hat. Diese "Denk-Experimente" dienen dazu, sich mit subtilen Beschaffenheiten von Begriffen vertraut zu machen, die wir nicht ohne weiteres kennen, die auch ohne ein sorfältiges denkendes Probieren und Sondieren nicht her­vortreten. Die von Ziegler erwähnten Qualitäten Notwendigkeit, Wider­ständigkeit und Unveränderlichkeit sind invariante Eigenschaften von Begriffen - mit anderen Worten: Gesetzmäßigkeiten, die über das nur In­haltliche dieser Entitäten hinausgehen. Man könnte sagen, daß Begriffe neben dem rein Bedeutungshaften, das sie auszeichnet, noch so etwas wie eine morphologische oder gestalthafte Komponente an sich haben, die durch Denk-Experimente sichtbar wird.

Zieglers Auffassung ist im Grundsatz ohne Einschränkungen zuzustim­men; man muß sie im Hinblick auf elementare Aspekte nur noch weiter verschärfen und erklären: Sämtliche sachhaltigen Aussagen, die wir über das selbsterlebte Denken machen, sind Resultate einer - zumeist unsyste­matisch durchgeführten und längst vergessenen - Denk-Beobach­tung und entsprechender Intuitionen, in der spezifische Erfahrungen be­urteilt und unterschieden werden müssen. Wenn Steiner daher im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit (S. 42) die simple Aussage "Ich den­ke über einen Tisch." bereits der Denk-Beobachtung zurechnet, so ist das sehr konsequent. Auf der anderen Seite muß man sagen, daß auch die meisten philosophischen oder denkpsychologischen Laien ihr Denken schon häufig wenigstens in anfänglicher Weise beobachtet haben, sofern sie nämlich zu bestimmten Begrifflichkeiten und Unterscheidungen be­züglich ihrer Denktätigkeit gekommen sind. Sie wissen nur nichts um diese Tatsache, weil oft genug hinter der Denk-Beobachtung etwas Ge­heimnisvolles und schwer Zugängliches vermutet wird. Zudem wird die­se Art von Denk-Beobachtung zumeist ohne ein gebührendes methodi­sches Bewußtsein und entsprechende Zielstrebigkeit, sondern eher bei­läufig gemacht, deswegen fehlt in der Regel auch die entsprechende Kon­sequenz sowie Übersicht ordnender Begriffe.

Unstreitig gibt es also einen eklatanten Unterschied zwischen der sponta­nen Handhabung durchschaubarer gedanklicher Inhalte und der Einsicht in diese Angelegenheit via Intuition, und ebenso zwischen der bloßen Wahrnehmung von ideellen Entitäten und dem Wissen um diese Sachla­ge. Um ein Verständnis davon zu haben ist erforderlich, daß das Denken sich zuvor diesen Erfahrungen im Umgang mit Begriffen und Ideen zu­wendet und sich damit gesondert auseinandersetzt. Und das Mittel dazu ist die Beobachtung oder Betrachtung des Denkens, die zu entsprechen­den Intuitionen beziehungsweise einer Erkenntnis des Denkens führt. Das heißt, es muß über spezifische Erfahrungen des Denkens separat nachge­dacht werden, erst dann wird begreiflich, daß Ideen nicht erzeugt sondern wahrgenommen werden. Kurz und prägnant kann man es auch so formu­lieren: Begriffe und Ideen im allgemeinen nimmt jeder wahr - oder sieht im Prinzip jeder -, der zu denken vermag. Das Denken im speziellen kann nur sehen, wer eigens über die Erfahrungen des Denkens nach­denkt. Nur dann ist er in der Lage sich das zu erwerben, was man einen Begriff oder eine Anschauung des Denkens nennen kann.

Begriffe und Ideen sind zweifelsohne auch dann Inhalt oder Thema des Denkens, wenn dieses sich selbst betrachtet, denn sie gehören ja schließ­lich (mit) zu den Erfahrungen des Denkens, die betrachtet werden. So­weit sie also spezielle Betrachtungsgegenstände des Denkens im Zuge seiner Selbstaufklärung sind, ist es evident, daß sie dann auch wahrge­nommen werden, und somit Wahrnehmung und Begriff bei der Betrach­tung des Denkens zusammenfallen. Aber es gibt bei der Selbstbetrach­tung des Denkens, die zu seiner Erkenntnis führt, noch eine weitere Di­mension des Zusammenfallens, die sich nicht auf diese eben genannte Form reduzieren läßt, sondern darüber hinausreicht. Die Wahrnehmung des Denkens selbst ist ein ganz einzigartiger Typ dieses Zusammenfal­lens. In diesem Fall ist nämlich die lebendige oder kraftende Idee selbst Gegenstand der Wahrnehmung.

Im Kapitel IV, Die Welt als Wahrnehmung seiner Philosophie der Frei­heit, S. 62, sieht sich Steiner veranlaßt seinen Gebrauch des Ausdrucks Wahrnehmung zu klären. Als Wahrnehmung bezeichnet er hier nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt dieser Beobachtung. Und zwar einerseits die unmittelbaren Empfindungsobjekte, "... insoferne das bewußte Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt...". Fer­ner die Gefühle: "Auch von meinem Gefühle erhalte ich dadurch Kennt­nis, daß es Wahrnehmung für mich wird." Und schließlich das Denken selbst: " ... die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von un­serem Denken erhalten, ist eine solche, daß wir auch das Denken in sei­nem ersten Auftreten für unser Bewußtsein Wahrnehmung nennen kön­nen."

Man beachte, daß entsprechend dem dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit das Denken nur durch das Denken beobachtet werden kann. Und daß die Beobachtung nur in einem zweiten Denkakt erfolgen kann, der dem beobachteten Denkvorgang nachfolgt. Das Resultat dieser zeitver­setzten Beobachtung oder denkenden Betrachtung wird hier im Zuge der Klärung des Sprachgebrauchs als Wahrnehmung bezeichnet.

Das Interessante und für das Verständnis wichtige an dieser Formulie­rung ist, daß die Beobachtung des Denkens nicht nur zur Kenntnisnahme des Denkens führt, vergleichbar den Sinnes und Gefühlswahrnehmungen, sondern gleichzeitig auch zu seiner Erkenntnis. Kenntnisnahme und Er­kenntnis fallen hier zusammen. Während Empfindungs- und Gefühlsob­jekte als Wahrnehmungen lediglich zur Kenntnis genommen werden und der weiteren begrifflichen Ergänzung bedürftig sind, um auch erkannt zu werden, ist dieser zusätzliche Schritt bei der Wahrnehmung des Denkens nicht erforderlich, weil das Denken als Wahrnehmungsobjekt im Sinne und in der Konsequenz des Steinerschen Sprachgebrauchs bereits er­kanntes Objekt ist. Das Wahrnehmen ist hier ein Erkennen. Wenngleich noch nicht in seinem vollen Umfang und in sämtlichen Aspekten. Wahr­nehmen und Erkennen sind eines - und das hat die Beobachtung des Den­kens mit der Wahrnehmung respektive Erkenntnis der übrigen Begriffe und Ideen gemeinsam. Siehe dazu das eingangs dieses Kapitels Ausge­führte.

Das Denken tritt als Denken überhaupt erst für das Bewußtsein auf, wenn es vom Denken selbst beobachtet worden ist. Erst dann ist es im Sinne Steiners Wahrnehmungsobjekt für das Bewußtsein. Ein nur erlebtes Den­ken kann diesem Sprachgebrauch gemäß noch kein wahrgenommenes Denken sein, sondern zunächst nur ein geistig-seelisches Erlebnis. Das Geistige wird in einer Einheit mit diesem Seelischen erlebt. Und der geis­tige Charakter dieses Erlebnisses wird erst sichtbar, bewußt und zugleich erkannt in einer nachfolgenden denkenden Betrachtung. Deswegen Stei­ners Bemerkung von S. 256, im zweiten Zusatz zur Neuausgabe 1918, " ... daß richtig verstandenes Denk-Erleben schon Geist-Erleben ist." [Fettdruck MM]

Nun läßt sich das Denken nur erkennen, indem man es beschreibt, das heißt, über die Erfahrungen des Denkens nachdenkt und diese auf be­schreibende Begriffe bringt. Wenn wir jetzt dem eben erwähnten Sprach­gebrauch Steiners und den Gedankengängen des dritten Kapitels der Phi­losophie der Freiheit folgen, dann haben wir auch in diesem Fall ein Zu­sammenfallen von Wahrnehmung und Begriff: Hier fällt die Wahrneh­mung des Denkens mit seinem beschreibenden Begriff zusammen - was dasselbe ist wie seine Erkenntnis, oder besser gesagt, die Erkenntnis ei­nes seiner vielfältigen Aspekte. Das Wahrnehmen ist hier ein Begreifen. Und das ist nach meiner Auffassung gemeint, wenn Steiner wie eingangs zitiert auf S. 146 der Philosophie der Freiheit sagt: "Im Betrachten des Denkens selbst fallen in eines zusammen, was sonst immer getrennt auf­treten muß: Begriff und Wahrnehmung." Das Denken wird für den Be­trachter oder Beobachter im eigentlichen Sinne erst sichtbar, wenn, in­dem, und so weit er es begreift. Das Begreifen des Denkens ist ein Wahrnehmen - ein aktives, tätiges, und oft mühevolles geistiges Wahr­nehmen. Eine Wahrnehmung, " ... in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird." (GA-04, S. 256)

Erlebt werden kann das Denken mit hinreichender Mühe und Aufmerk­samkeit eigentlich immer - aber gesehen wird es nur, wenn man das Er­lebte auf die richtigen Begriffe bringt und unterscheiden kann.

Nehmen wir ein Beispiel: Ein philosophischer Laie weiß gewöhnlich nicht sehr genau was Begriffe sind, obwohl er den Ausdruck Begriff si­cherlich häufiger gebraucht. Vielfach werden Begriffe deswegen auch mit Worten verwechselt, obwohl sie vom Wesen her etwas ganz anderes sind. Allmählich erst, in dem Maße, wie er sich gedanklich mit den Ei­genschaften von Begriffen befaßt, bekommt er einen Eindruck davon, was sie eigentlich sind und was sie etwa von sprachlichen Gebilden un­terscheidet. In dem Umfang, wie ihm das begrifflich klar wird, beginnt er jene Eigenarten oder Wesensmerkmale des Denkens zu sehen, die man als Begriff bezeichnet, ungeachtet dessen, daß er sie natürlich immer schon hatte und mit ihnen hantierte. Er wußte nur nichts von ihnen. Wer sich mit grundlegenden Fragen der Denk-Beobachtung beziehungsweise des Sehens des Denkens auf einer ganz pragmatischen Ebene auseinan­dersetzen will, dem sei das oben erwähnte Buch von Renatus Ziegler wärmstens empfohlen. Ziegler behandelt zwar über Strecken hin Proble­me der Mathematik und reinen Logik, doch die Art seines Vorgehens macht auch dem Laien in paradigmatischer Form verständlich worum es geht.

Dieser Prozeß des Sehenlernens des Denkens ist in etwa vergleichbar mit jenem, der sich abspielt, wenn wir uns das Bild eines großen Malers er­schließen. Wenn wir nicht gerade Fachleute der Ästhetik sind, werden wir häufig auch nicht allzuviel entdecken, was über die triviale Wahrneh­mung hinausgeht. Sobald wir jedoch beginnen uns in Kunstepochen, Stil­richtungen und künstlerische Ausdrucksmittel zu vertiefen, wird das Bild zunehmend reicher, obwohl es materialiter nichts anderes enthält, als wir beim ersten Mal schon gesehen haben. Für das Denken gilt nichts ande­res: mit der Einsicht in seine Gebilde wächst scheinbar sein Gehalt an Ei­genschaften, der gleichwohl immer schon da war. Seine innere Differen­zierung nimmt dann für den Betrachter zu, so wie eine nur schemenhaft sichtbare Gestalt allmählich deutlichere und gegliedertere Formen an­nimmt, wenn wir uns ihr nähern. Nur spielt sich eben beim Denken alles auf der gedanklich-begrifflichen Ebene ab, während es in der Malerei auch um sinnlich Wahrnehmbares geht. Hinzu kommt, daß wir mit dem Prozeß des Denkens aufs Innigste verbunden sind, und daher unsere Be­obachtungen prinzipiell immer an den Tatsachen prüfen und gegebenen­falls korrigieren können. Mit weit größerer Sicherheit als die Interpretati­on eines Kunstwerkes, die stets hypothetische Reste enthält, weil wir hierbei immer auf Außeninformationen angewiesen sind, deren Status fraglich sein kann.

Die Einsicht in einen charakteristischen Aspekt des Denkens ist somit ein geistiges Analogon zu einem herkömmlichen Wahrnehmungsvorgang und geschieht auf dem Wege der Intuition. Was gegenüber sinnlichen Gegenständen deren Wahrnehmung ist, ist gegenüber dem Denken Ein­sicht. Auf keinem anderen Wege als auf dem der Intuition kann uns eine Einsicht zuteil werden - das Denken als Beobachtungs- und Erkenntnis­gegenstand macht davon keine Ausnahme. Die Selbsterklärung des Den­kens geschieht also dadurch, daß wir ihm gegenüber die entsprechenden Intuitionen ausbilden. Es wird folglich mittels Intuitionen gesehen, ange­schaut, betrachtet oder wahrgenommen. Erst vor diesem Hintergrund be­kommt die Wendung, daß das Denken vom Denken gesehen oder ange­schaut werde, einen plausiblen Sinn. Die besondere Art, das Denken in dieser Weise zu beobachten oder anzuschauen, nennt Steiner intuitives Denken. Das intuitive Denken ist sowohl die Methode, das Denken zu beobachten, wie auch die Idee der Freiheit - zumindest ist es diejenige, auf die er sich in der Philosophie der Freiheit explizit beruft.

Im Zusatz von 1918 auf S. 255 ff der Philosophie der Freiheit macht ihr Verfasser eine Angabe über die Forschungsmethode, welche diesem Bu­che zugrunde liegt, und bezeichnet sie als "intuitives Denken" : "Die Dar­stellung dieses Buches ist aufgebaut auf dem rein geistig erlebbaren intui­tiven Denken, durch das eine jegliche Wahrnehmung in die Wirk­lichkeit erkennend hineingestellt wird." Das intuitive Denken hat es Stei­ners Charakterisierung zufolge primär mit Wahrnehmungen zu tun. Man beachte auch, daß hier von "einer jeglichen Wahrnehmung" gesprochen wird. Demnach geht es sowohl um sinnliche, wie seelische und geistige Wahrnehmungen. Es gibt keinen Wahrnehmungsbereich, den dieses Den­ken exclusiv für sich reserviert hätte - etwa nur den geistig-ideellen - son­dern es operiert bereichsübergreifend. All diese sinnlichen, seelischen und geistigen Wahrnehmungen werden "in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt", das heißt sie werden sowohl im Hinblick auf ihr Wesen oder Was untersucht, aber auch in ihrer Beziehung zueinander und zur Gesamtwirklichkeit. Im Ausdruck des Hineinstellens schwingt mit, daß es sich hierbei um einen produktiv-schöpferischen Vorgang handelt, durch den der Wirklichkeit etwas gegeben oder hinzugefügt wird. Exem­plarisch sichtbar wird dieser gedankliche Umgang mit Fragen der Wahr­nehmung vor allem in den Kapiteln III bis VIII der Schrift, die sich sehr ausgedehnt dieser Thematik widmen.

Insgesamt läßt sich sagen, daß der Aktionsbereich des intuitiven Denkens entsprechend der Steinerschen Kennzeichnung ein sehr weiter ist. Diese Weite kommt auch zum Ausdruck wenn er auf S. 143 dafür alternativ die Wendung "intuitiv-denkerische Durchdringung des Daseins" gebraucht. So gesehen scheint dieses Denken also gar nichts Außergewöhnliches zu sein, sondern bedeutet in genereller Hinsicht, sich rein gedanklich mit dem Dasein auseinanderzusetzen, um dieses Dasein zu erkennen. Damit deckt es sich als Methode der Philosophie der Freiheit in bemerkenswer­tem Umfang mit der Methode einer rein gedanklich operierenden klassi­schen Philosophie, wie es die thematische Entfaltung der Philosophie der Freiheit ja auch zeigt und wie Steiner selbst ausdrücklich an anderer Stel­le hervorhebt: "Wer diese meine früheren Schriften [«Wahrheit und Wis­senschaft» und «Philosophie der Freiheit», MM] aber unbefangen liest, wird bemerken können, daß die in ihnen entwickelten Ergebnisse durch rein philosophische Forschung gewonnen sind, und daß deshalb die Zu­stimmung zu dem in ihnen geltend Gemachten nicht abhängig ist von der Stellung, die jemand zu der von mir vertretenen «Geisteswissenschaft» einnimmt. Ich habe mich bewußt in jenen Büchern der Denkmittel und der Methodik allein bedient, die man gewöhnt ist, in philosophischen Ar­beiten zu finden." (Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die zeitgenössische Erkenntnistheorie. Persönlich-Unpersönliches (1917). In: GA-35, 1984, S. 319). Soweit das intuitive Denken der Philosophie der Freiheit als Methode zugrunde liegt ist es folglich identisch mit den "Denkmitteln" und der "Methodik", "die man gewöhnt ist, in philosophi­schen Arbeiten zu finden".

Es deckt sich aber nicht nur mit dem philosophischen Denken im speziel­len, sondern überhaupt mit jenem Denken, das zu einer gegebenen Wahr­nehmung den Begriff findet oder wahrnimmt, der dann in der Synthese mit der Wahrnehmung zur Erkenntnis des Wahrnehmungsgegenstandes, der Vereinigung von Wahrnehmung und Begriff führt. Jenem Denken, das zu jeder Wahrnehmung das zu ihr gehörige ideelle Gegenstück auf dem Wege der Intuition geistig wahrnimmt. Darauf deutet Steiner hin wenn er oben sagt, durch das intuitive Denken werde "eine jegliche Wahrnehmung in die Wirklichkeit erkennend hineingestellt". Und dann den Gedanken (Philosophie der Freiheit, S. 255) fortführt: "Und es [das intuitive Denken, MM] fordert, daß es im Erkenntnisvorgang als in sich ruhendes Erlebnis nicht verleugnet werde. Daß ihm die Fähigkeit nicht abgesprochen werde, zusammen mit der Wahrnehmung die Wirklichkeit zu erleben, statt diese erst zu suchen in einer außerhalb dieses Erlebens liegenden, zu erschließenden Welt, der gegenüber die menschliche Denk­betätigung nur ein Subjektives sei."

Zusammenfassend formuliert: Das intuitive Denken ist eben jenes, von dem in den erkenntnistheoretischen Schriften Steiners im Zusammenhang mit der Erläuterung des Erkenntnisprozesses die Rede ist, und von dem dort gesagt wird, es nehme den Ideengehalt der Welt wahr. Über dieses Denken verfügt jeder normal organisierte Mensch und übt es bereits aus, wenn er versucht den Ideengehalt der Welt zu erfassen, und zwar schon dann wenn er zu einer herkömmlichen sinnlichen Wahrnehmung den Be­griff sucht und findet. Denn auch der gehört selbstverständlich zum Ide­engehalt der Welt, wie Steiner in seinen philosophischen Schriften ein­dringlich versucht klarzumachen. So daß vielleicht die grundlegendste Eigenschaft, die man dem intuitiven Denken beilegen kann, lautet: Es ist jenes Denken, das auf dem Wege von Intuitionen den Ideengehalt der Welt wahrnimmt.

Die wohl elementarste und häufigste Frage, die sich das intuitive Denken stellen kann lautet daher: Was ist das? Es versucht dann vielleicht zu ei­ner gegebenen Wahrnehmung den zugehörigen Begriff zu finden, den es dann aus der ideellen Sphäre schöpft und mit der Wahrnehmung zur Er­kenntnis des Wahrnehmungsgegenstandes vereinigt. Das intuitive Den­ken kann sich daneben im einzelnen auch mit ausgesprochen erkenntnis­theoretischen oder erkenntnisphänomenologischen Fragen befassen - etwa: Wie erkennen wir? Was ist eine Wahrnehmung? Welche Typen von Wahrnehmung gibt es? Aber auch mit solchen, die man eher zur Psy­chologie zählen würde - indem es etwa das Verhältnis von Denken, Füh­len und Wollen untersucht oder die nähere Natur oder Eigenschaften die­ser speziellen Wahrnehmungen. Ein ganz besonderer Fall von Wahrneh­mung, dem sich das intuitive Denken erkennend zuwenden kann, ist die Wahrnehmung des Denkens selbst. Es kann sich schließlich auch, wie die Programmatik der Steinerschen Schrift andeutet, einer einzelnen Idee widmen und sie beobachten, beziehungsweise sich mit der Wahrneh­mung dieser Idee auseinandersetzen. In diesem speziellen Fall lautet die Frage: Freiheit - was ist das? Betrachtet man die Philosophie der Frei­heit, wie ich es oben und in Anmerkung 107b angedeutet habe, als den Versuch, die Idee der Freiheit zu beobachten, dann heißt dies: Das intui­tive Denken ist die Methode, mittels derer Steiner die Idee der Freiheit nach eigenen Angaben beobachtet hat. Etwas gemeinverständlicher for­muliert: Er hat sich dieser Aufgabe zugewandt, indem er über die dafür relevanten Bereiche des Daseins gründlich nachgedacht hat, ganz speziell und ausdrücklich auch über die Erlebnisse, die man am Denken selbst ha­ben kann - soviel sagt uns sein obiger Methodenhinweis. Für die Erleb­nisse am Denken selbst, wie wir sie an Zieglers Beispiel oben musterhaft aufgezeigt haben, verwendet Steiner auch den Ausdruck intuitives Denk-Erleben.

Nun schließt die Beobachtung der Freiheitsidee notwendigerweise eine Beobachtung des Denkens ein, denn ohne eine zumindest grundlegende Erkenntnis des Denkens ist nach Steiner auch keine Einsicht in die Idee der Freiheit möglich. Das heißt, wenn wir uns an den ausgesprochenen Wahrnehmungsbezug des intuitiven Denkens erinnern: Die wirklichkeits­gemäße Wahrnehmung der Freiheitsidee setzt die Wahrnehmung oder Beobachtung des Denkens voraus. Es kommt infolgedessen sehr viel dar­auf an, wie man das Denken wahrnimmt oder beobachtet. In der Vorrede von 1918 macht er auf diesen Umstand aufmerksam, wenn er (S. 7) dar­auf hinweist, daß die Lösung der Freiheitsfrage abhängig sei von der Lö­sung der Erkenntnisfrage. Im ähnlichen Sinne ein Zusatz von 1918 auf S. 203 f, und gegen Ende der Schrift auf S. 253 f dann wie eine Spiegelung der Vorrede noch einmal der eindringliche Hinweis, daß die Freiheit des Handelns auf der Freiheit des intuitiven Denkens basiert: "Im zweiten Teile dieses Buches wurde versucht, eine Begründung dafür zu geben, daß die Freiheit in der Wirklichkeit des menschlichen Handelns zu finden ist. Dazu war notwendig, aus dem Gesamtgebiete des menschlichen Han­delns diejenigen Teile auszusondern, denen gegenüber bei unbefangener Selbstbeobachtung von Freiheit gesprochen werden kann. Es sind dieje­nigen Handlungen, die sich als Verwirklichungen ideeller Intuitionen darstellen. Andere Handlungen wird kein unbefangenes Betrachten als freie ansprechen. Aber der Mensch wird eben bei unbefangener Selbstbe­obachtung sich für veranlagt halten müssen zum Fortschreiten auf der Bahn nach ethischen Intuitionen und deren Verwirklichung. Diese unbe­fangene Beobachtung des ethischen Wesens des Menschen kann aber für sich keine letzte Entscheidung über die Freiheit bringen. Denn wäre das intuitive Denken selbst aus irgendeiner andern Wesenheit entspringend, wäre seine Wesenheit nicht eine auf sich selbst ruhende, so erwiese sich das aus dem Ethischen fließende Freiheitsbewußtsein als ein Scheingebil­de. Aber der zweite Teil dieses Buches findet seine naturgemäße Stütze in dem ersten. Dieser stellt das intuitive Denken als erlebte innere Geist­betätigung des Menschen hin. Diese Wesenheit des Denkens erlebend verstehen, kommt aber der Erkenntnis von der Freiheit des intuitiven Denkens gleich. Und weiß man, daß dieses Denken frei ist, dann sieht man auch den Umkreis des Wollens, dem die Freiheit zuzusprechen ist. Den handelnden Menschen wird für frei halten derjenige, welcher dem intuitiven Denkerleben eine in sich ruhende Wesenheit auf Grund der in­neren Erfahrung zuschreiben darf. Wer solches nicht vermag, der wird wohl keinen irgendwie unanfechtbaren Weg zur Annahme der Freiheit finden können. "

Die in der Schrift vorhandenen Passagen zum Thema Erkenntnis und Denken gehören damit, wie in ihrer Vorrede bereits angedeutet ist, zum unentbehrlichen sachlichen Umkreis des Freiheitsgedankens, obwohl die Philosophie der Freiheit im eigentlichen Sinne keine Erkenntnistheorie ist, sondern eben eine Freiheitsphilosophie. Aber als solche muß sie sich zu Erkenntnisfragen äußern, denn bevor man sagen kann, ob und unter welchen Umständen der Mensch frei ist, sind Fragen der Art zu klären: Was ist Erkenntnis? Gibt es ein sicheres Fundament der Erkenntnis? Wie erkennt man das Denken? Der gelegentlich aufkeimenden Diskussion darüber, ob die Philosophie der Freiheit eine Erkenntnistheorie sei oder nicht, läßt sich also mit einem "Nein - aber" begegnen. Sie ist eigentlich keine, aber ihr Untersuchungsgegenstand erfordert wegen der vorhande­nen Abhängigkeitsbeziehungen, daß sie zu diesen Fragen Stellung be­zieht. Ohne die entsprechenden Fundierungen wäre die Freiheitsphiloso­phie nicht ausführbar beziehungsweise: wäre die Idee der Freiheit nicht angemessen wahrnehmbar. Dieser Zusammenhang erklärt auch, warum Steiner selbst in seiner 1917 erschienenen Schrift Von Seelenrätseln (GA-21, 1976, S. 62) ausdrücklich auf den erkenntnistheoretischen Cha­rakter der Philosophie der Freiheit hinweist: "Im Zusammenhange mei­ner Veröffentlichungen ist meine «Philosophie der Freiheit» die erkennt­nistheoretische Grundlegung für die von mir vertretene anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Ich habe dies in einem besonderen Ab­schnitt meines Buches «Die Rätsel der Philosophie» dargelegt."

  • Wenn nun Steiner ausdrücklich betont, er habe sich in seinen phi­losophischen Schriften "bewußt ... der Denkmittel und der Metho­dik allein bedient, die man gewöhnt ist, in philosophischen Arbei­ten zu finden".

  • Und wenn die Beobachtung der Freiheitsidee explizit auf der Me­thode des intuitiven Denkens basiert und eine fundamentale Er­kenntnis des Denkens einschließt.

  • Wenn ferner Steiners Methodenauskunft unmißverständlich für die Darstellung der gesamten Schrift gilt, dann liegt der Erkennt­nis des Denkens verständlicherweise auch dieselbe Methode zu­grunde - nämlich das intuitive Denken.

  • Und wenn schließlich laut Steiners ausdrücklichem Hinweis im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit jeder normal organi­sierte Mensch mit einigem guten Willen in der Lage ist sein Den­ken zu beobachten, dann ist er damit auch prinzipiell imstande das intuitive Denken auszuüben, wenn er es nur will.

Das intuitive Denken ist demnach alles andere als irgend ein rätselhaft-mystisches, geistig-seelisches Agens, über das man erst im Laufe lang­jähriger esoterischer Schulung verfügt. Es ist also auf gar keinen Fall zu­treffend, was beispielsweise Michael Kirn in seinem Buch Das große Denk-Ereignis, Dornach 1998, auf S. 40 stellvertretend für manchen an­deren anthroposophischen Autoren behauptet, wenn er dort sagt, Steiner meine mit dem intuitiven Denken "eine dem einzelnen erreichbare Geis­teshaltung jenseits der Philosophie." Mit dieser Bemerkung macht Kirn das intuitive Denken für seinen Leser faktisch unsichtbar. Und was noch ärger ist: Entsprechend unzugänglich wird für diesen nachfolgend auch all dasjenige, was Steiner an freiheitsphilosophischen Überlegungen an dieses intuitive Denken knüpft, weil ihm der Verständniszugang dorthin blockiert ist. Denn wer keine Vorstellung davon hat was das intuitive Denken ist, der kann natürlich auch kaum eine davon entwickeln was die Freiheit des intuitiven Denkens ist. Und da für Steiner die Freiheit des Handelns in der Freiheit des intuitiven Denkens gründet, wird ihm folg­lich das Anliegen der Philosophie der Freiheit im wesentlichen ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Ein Leser, der dem Hinweis Kirns und seiner Geistesverwandten folgt, wird das intuitive Denken nicht mehr finden, weil er es jetzt an der falschen Stelle sucht. Was doppelt tragisch für ihn ist, da er nämlich über dieses Denken im Regelfall längst verfügt und es auch ausübt. Im Gegensatz zu Kirns Auffassung stützt sich jede Philoso­phie, die erkennend auf den ideellen Gehalt der Wirklichkeit abzielt, auf eben dieses Denken. Denn das intuitive Denken ist als Fähigkeit den ide­ellen Gehalt der Wirklichkeit wahrzunehmen integraler Bestandteil der Grundausstattung menschlichen Seelenvermögens. Es ist das Denk-Ver­fahren zu einer beliebigen Wahrnehmung den Begriff zu finden und ebenso das methodische Verfahren, mit dem neben anderen Ideen die Idee der Freiheit beobachtet respektive wahrgenommen oder erkannt wird, wie es die Methode der Selbstbeobachtung, der Selbsterklärung be­ziehungsweise Selbsterkenntnis oder Selbstwahrnehmung des Denkens ist.

Wenn also ein Leser für sich das Stadium des intuitiven Denkens mit Si­cherheit erreichen will, dann könnte er das exemplarisch zum Beispiel auf drei Wegen tun, die eng miteinander verwandt sind: Erstens könnte er sich einer ungewohnten Wahrnehmung aussetzen, etwa einer solchen, die er in einer Kükelhausausstellung machen kann, und sich fragen, was das jeweils ist, dem er sich da wahrnehmend aussetzt. Zweitens könnte er sich in irgend ein philosophisches Problem vertiefen und versuchen es zu lösen - beispielsweise in das Problem, was Kraft, Kausalität oder Güte ihrem Wesen nach sind und zu einem Begriff dieser Entitäten vorzusto­ßen. Drittens könnte er sich einmal mit der Frage befassen, wonach er sich beim Denken richtet und über die entsprechenden Erfahrungen sei­nes Denkens nachdenken. Damit bekommt er nicht nur einen Einblick in die Natur des intuitiven Denkens, - letzteres ist auch der entscheidende Schritt zur Einsicht in die Freiheit des intuitiven Denkens.

Erst wenn man durchschaut hat, daß das intuitive Denken frei ist, sieht man auch den Bereich, demgegenüber von freien Handlungen gespro­chen werden kann. Die Einsicht in die Freiheit des intuitiven Denkens ist nach Steiner die Vorbedingung zur Einsicht eines freien Wollens über­haupt. Und die Freiheit des intuitiven Denkens wiederum gründet in der Selbstbeobachtungs- respektive Selbsterklärungsfähigkeit des Denkens - in der Tasache, daß seine Wesenheit eine auf sich selbst ruhende ist, sich selbst betrachten und beschreiben kann. Der Umstand, daß beobachten­des und beobachtetes Denken qualitativ gleichwertig sind, wie im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit betont wird, ist Fundament und Ga­rantie für Freiheit überhaupt. Frei ist ein Denken, das sich an durchsichti­gen begrifflich-logischen Zusammenhängen orientiert und nicht den Not­wendigkeiten der Hirnphysiologie oder einer leiblich-seelischen Organi­sation folgen muß.

(Eine Schlüsselaussage Steiners aus dem dritten Kapitel (S. 45) hierzu lautet: "Meine Beobachtung ergibt, daß mir für meine Gedankenverbin­dungen nichts vorliegt, nach dem ich mich richte, als der Inhalt meiner Gedanken; nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn rich­te ich mich." Eine philosophische Vertiefung dieses Aspektes der Philo­sophie der Freiheit führt auf die Frage der Beziehung zwischen Logik und Psychologie oder Physiologie, wie sie in der Psychologismusdebatte in der Logik um die Wende vom 19. zum 20. Jh. geführt wurde. Steiner macht in seiner Schrift Von Seelenrätseln [GA-21] 1976, unter anderem auf S. 31 f; S. 132 f; einige Bemerkungen in dieser Richtung. Ein ent­scheidender Gesichtspunkt hier ist, daß beim denkenden Suchen nach der Wahrheit sich das Wollen an begrifflich-logischen Bestimmungen aus­richtet. Diese können aber nicht zugleich physiologische Kausalbestim­mungen sein, da sich sonst eine logische Vorstellungsverknüpfung nicht von einer unlogischen oder einer a-logischen respektive einer rein assozia­tiven unterscheiden ließe. Und ferner dann die logischen Gesetze mit den physiologischen zusammenfallen müßten, was grundsätzlich nicht möglich ist. Das Phänomen der Einsicht reicht also weit hinaus über dasjenige, was mit den Gesetzen der Hirnphysiologie zu erfassen ist. Man sieht auch wie sich hier die Forschungsfelder von Anthroposophie, Logik, Erkenntnistheorie, Psychologie und Physiologie mit äußerst span­nenden und weitreichenden Fragestellungen begegnen - ein Grund, war­um Steiner in dieser Schrift auf die Möglichkeit einer "wirklich fruchtba­ren Verständigung" (S. 32) zwischen Anthroposophie und Anthropologie hinweist. Letzten Endes ist auch der unter Anmerkung 107 b erwähnte Roger Penrose mit seiner physikalischen Problemstellung hier anzusie­deln. Siehe aus nichtanthroposophisch-philosophischer Sicht auch: Palàgyi, Melchior, Der Streit der Psychologisten und Formalisten in der modernen Logik, Leipzig 1902.; Sowie: Moog, Willy, Logik, Psycholo­gie und Psychologismus, Halle a. S., 1919; Sowie: Husserl, E. , Logische Untersuchungen. Textkritische Ausgabe von E. Holenstein. Bd. 1, Prole­gomena zur reinen Logik, Den Haag, 1975.

Nachtrag 28.11.03 zu Penrose: Wie sehr sich die Frage des freien Den­kens mit physikalischen Problemen berührt dürfte offensichtlich sein. Denn der Nachweis des freien Denkens (und Handelns) hat natürlich physikalische Implikationen dahingehend, daß dieses freie Denkens und Handeln nicht mehr durch Naturkausalität bestimmt sein kann. Das Kau­salitätsprinzip ist an dieser Stelle nicht mehr gültig. Physikalisch ist das von der allergrößten Tragweite, weil damit der Energieerhaltungssatz au­ßer Kraft gesetzt wird. Diese physikalische Bedeutung des Denkens wird auch von Steiner klar gesehen und ausdrücklich hervorgehoben. In der Philosophie der Freiheit spricht er diesbezüglich (Kap. IX, S. 146 ff) von einer Zurückdrängung der leiblichen Organisation durch das Denken. Diese Zurückdrängung ist durchaus auch im Sinne einer physiologisch-physikalischen Wirksamkeit gemeint. Und auf diese Zurückdrängung be­zogen sagt Steiner (GA-78, Dornach 1968, Vortrag vom 5.11.1921, S. 143): "Hier ist es, wo wir an der Grenze des Gesetzes von der Erhaltung der Materie und der Kraft stehen. Man muß den Ausdehnungsbereich dieses Gesetzes von Materie und Kraft erkennen, damit man den Mut fas­sen kann, ihm dann zu widersprechen, wenn es nötig ist."

Vor diesem Hintergrund ist der Versuch von Roger Penrose, mittels einer Bewußtseinstheorie die moderne Physik zu revolutionieren, aus anthro­posophischer Sicht überaus interessant und konsequent und sollte weiter beobachtet werden. Denn es sind nicht beliebige Bewußtseinsvorgänge, die Penrose bei seiner Auffassung geltend macht, sondern vor allem die Tätigkeit des Denkens und Erkennens. )

Daß sich die Einsicht in die Natur des Denkens nur auf dem Wege von Intuitionen ergeben kann, haben wir schon wiederholt erörtert. Mit die­sem Sachverhalt decken sich auch Steiners Angaben hinsichtlich der von ihm angewandten Forschungsmethode des intuitiven Denkens. Somit läßt sich sagen, daß sein Ausdruck des intuitiven Denkens auf jeden Fall auf das sich selbst betrachtende Denken anzuwenden ist. Das heißt, ein Den­ken, daß sich im Zuge seiner Selbstaufklärung auf seine unmittelbaren Erfahrungen richtet und sich beobachtet respektive über diese Erfahrun­gen nachdenkt, ist notwendigerweise immer auch ein intuitives Denken. Sowohl sein Beobachtungsgegenstand ist in der Form der Intui­tion gegeben, als auch die Art der Beschäftigung mit ihm. Sowohl seine Verlaufsform als auch die Art seiner Wahrnehmung oder Erkenntnis, be­ziehungsweise seines Erfassens, hat den Charakter der Intuition wie Stei­ner anmerkt: Es ist eine "auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit. Und von dieser kann er [der Denker] sagen, daß sie ihm durch Intuition im Bewußtsein gegenwärtig wird. Intuition ist das im rein Geistigen verlau­fende bewußte Erleben eines rein geistigen Inhaltes. Nur durch eine Intui­tion kann die Wesenheit des Denkens erfaßt werden." (PdF, S. 146).

Das intuitive Denken hat Steiners Schilderungen zufolge also einen aus­gesprochenen geistigen Wahrnehmungcharakter: - Es nimmt Begriffe und Ideen wahr, und es nimmt sich selber wahr, wie er auf S. 256 hervor­hebt: " ... darf aus dem Gesichtspunkte, der sich bloß aus dem intuitiv er­lebten Denken ergibt, berechtigt erwartet werden, daß der Mensch außer dem Sinnlichen auch Geistiges wahrnehmen könne? Dies darf erwartet werden. Denn, wenn auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender tätiger Vorgang ist, so ist es anderer­seits zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfaßte Wahrneh­mung. Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird. Im intuitiv erlebten Denken ist der Mensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt. Was ihm innerhalb dieser Welt als Wahrneh­mung so entgegentritt wie die geistige Welt seines eigenen Denkens, das erkennt der Mensch als geistige Wahrnehmungswelt. Zu dem Denken hätte diese Wahrnehmungswelt dasselbe Verhältnis wie nach der Sinnen­seite hin die sinnliche Wahrnehmungswelt. Die geistige Wahrnehmungs­welt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen Cha­rakter trägt". (Man beachte allerdings in diesem Zusammenhang auch den Unterschied zwischen intuitivem Denken und intuitiv erlebtem Den­ken. Weiteres dazu finden Sie hier. )

Eine Frage, die sich hier aufdrängt, aber an dieser Stelle nicht ausführli­cher behandelt werden kann, ist die folgende: Hat dieses Anschauen oder Sehen des Denkens durch das Denken beziehungsweise durch beschrei­bende Begriffe nicht bereits den Charakter von Imaginationen? Denn die Beschreibungen des Denkens sind, wie man den von Steiner vielfach dar­gelegten Beispielen entnehmen kann, Veranschaulichungen oder Verbild­lichungen des Denkens, die einerseits selbst der Sphäre des reinen Den­kens angehören, damit auch zum übersinnlichen, "schauenden Bewußt­sein" gerechnet werden. Andererseits sind sie von großer Exaktheit, des­wegen werde ich sie weiter unten mit dem vergleichen, was man in der Wissenschaftsphilosophie "Basissätze" nennt. Zudem muß man sagen, daß die "anschauende" Erkenntnis des Denkens gegenüber der Erkenntnis durch das reine Denken, bei welcher das reine Denken selbst unerkannt bleibt, sachlich eine Steigerung der Erkenntnisform beziehungsweise eine höhere Stufe darstellt. Denn daß der Erkenntnis-Standort von dem aus das reine Denken als "reines Denken" erkannt wird, ein höherer sein muß als der Standort des reinen Denkens selbst, scheint einleuchtend. Die nächsthöhere Erkenntnisstufe über das reine Denken hinaus bezeich­net Steiner als "imaginative Erkenntnis". Man könnte folglich auch sa­gen, daß es sich - angesichts ihres veranschaulichenden Charakters, ange­sichts ihrer Zugehörigkeit zum schauenden Bewußtsein, angesichts auch ihres hohen Grades an Exaktheit und angesichts ihres Hinausgehens über das reine Denken - bei den Beschreibungen des Denkens, die wir auf der Grundlage seiner Beobachtung durchführen, genau genommen um Ima­ginationen des Denkens handelt. Es wäre demnach das, was ich in dieser Arbeit mehrfach als "deskriptive Intuition" bezeichnet habe - die Einsicht in spezifische Eigentümlichkeiten des Denkens - als eine, vielleicht noch elementare, Form der imaginativen Erkenntnis zu bezeichnen. (Auf das erkennende Erfassen des Denkens durch Imagination gibt Steiner einige Hinweise in einem Vortrag vom 3. September 1921 in Stuttgart. GA-78, Dornach 1968, S. 110 ff)   107d

Der Gedankengang des letzten Absatzes scheint mir nicht nur sachlich stringent - er deckt sich auch mit dem, was Steiner anläßlich einer Erörte­rung des etwas problematischen Verhältnisses Denken über das Denken und Anschauung des Denkens sagt. Danach wird aus dem Denken über das Denken in der Tat etwas, das oberhalb des Denkens anzusiedeln ist. Vor diesem Hintergrund ist auch erklärlich, warum Steiner einmal im Denken über das Denken das erkenntnistheoretische Mittel erster Wahl sieht (Wahrheit und Wissenschaft GA-03, 1980, am Ende von Kapitel III, S. 48), und sich auch wiederholt explizit im dritten Kapitel der Philoso­phie der Freiheit darauf stützt, während er es an anderer Stelle ausdrück­lich abzulehnen scheint, wie etwa in GA-322, 1981, S. 50, Vortr. v. 30.09.1920.

Der Grund für diese scheinbare Ablehnung des Denkens über das Den­ken als Erkenntnismittel des Denkens liegt darin, daß aus dem das Den­ken betrachtenden Denken etwas qualitativ anderes wird als bloßes Den­ken, und von diesem Gesichtspunkt aus gesehen ist es eben kein Denken über das Denken mehr, das einer Beobachtung des Denkens methodisch zugrunde liegt.

Der hier problematisierte Sachverhalt des Denkens über das Denken wird von Steiner relativ ausführlich in Berlin am 28. Februar 1918 über weite Strecken eines Vortrags hin erläutert. (GA-67, Dornach 1962, S. 68 ff) . Steiner erklärt dort etwa (S. 82 f) "Es handelt sich dabei ... darum, daß der Mensch das, was sonst bloß kombinierendes Denken ist, wie es dem zugrunde liegt, was man heute oftmals allein «Wissenschaft» nennt, zum innerlichen Denkleben erweckt. Dann ist das Denken ein Leben im Ge­danken. Dann kann man auch nicht mehr über das Denken denken, son­dern dann verwandelt es sich überhaupt in etwas anderes. Dann verwan­delt sich das Denken über das Denken in eine geistige Anschauung des Denkens, dann hat man das Denken so vor sich, wie man sonst äußere Sinnesobjekte vor sich hat, nur daß man diese vor Augen und Ohren hat, während man das Denken vor der von geistiger Anschauung erfüllten Seele hat."

Und weiter unten (S. 83 f): "Goethe wußte, daß, wenn man über das Den­ken denken will, man eigentlich ungefähr in derselben Lage ist, wie wenn man das Malen malen wollte. Man könnte sich ja denken, daß jemand das Malen malen will, daß er es sogar tut. Aber dann wird man sich wohl sagen, daß über das, was das eigentliche Malen ist, hinausgegangen wird. Ebenso muß über das Denken hinausgegangen werden, wenn es gegen­ständlich werden soll."

Wie aber wird das Denken gegenständlich? Wie gewinnt es für seinen Erkenner Konturen, Formen und Gestalt? Ich schätze in einer analogen Weise wie dem operierten Blindgeborenen die visuelle Welt aus einem zusammenhanglosen Chaos von Farbflächen allmählich gegenständlich wird, und sich aus dem verwirrenden Tumult visueller Eindrücke zuneh­mend stabile und intellektuell handhabbare Formen und Gestalten her­ausschälen und heranreifen. Das heißt: Der Denker muß sich mit seinen Denkerlebnissen in analoger Weise gedanklich auseinandersetzen und sie ordnen, vertiefen usf, wie der operierte Blindgeborene sich mit seiner neugewonnenen Welt der rein visuellen Erfahrungen auseinandersetzen muß, damit aus diesen reinen Wahrnehmungen Anschauungen und Ge­genstände werden, in denen er sich auch zurechtfindet. Das ist ein sehr subtiler und facettenreicher Vorgang. Der Anschauung des Denkens - so meine ich - liegt folglich zugrunde eine hinreichende Erlebnisgrundlage des Denkens, die nicht nur bloße Erfahrung des faktischen Denkens ist, sondern eine vielfältig gedanklich durchdrungene und nach zahlreichen Dimensionen hin gegliederte und begriffene Erfahrung des Denkens. So wie etwa beim Biologen die Anschauung von Bäumen und Kräutern we­sentlich mehr ist als bloße Erfahrung von ihnen.

Man könnte folgendes zusammenfassen: Will man das faktische Denken erkennen, dann muß man zunächst auch zu einem wirklichen Erleben des Denkens kommen. Was man aber dann vollbringt, indem man seine Denkfähigkeit auf das dergestalt erlebte Denken richtet und versucht es zu erkennen, ist im erkenntnispsychologischen Sinne schon kein Denken mehr, sondern etwas, das über das Denken hinausgeht - eine höhere Er­kenntnisstufe als die des reinen Denkens. Die ist allerdings - wenn ich mich so ausdrücken darf - mit dem reinen Denken artverwandt. Und die­se Anschauungen des Denkens sind im eigentlichen Sinne schon Imagi­nationen. Denn, wie Steiner im selben Vortrag (S. 92) erklärt: "Das Geis­tige kann nur bildhaft geschaut werden."

Der erkenntnistheoretische Ausgangsstandort einer Erkenntnis des Den­kens ist nun allerdings in hohem Maße ein analytisch-explikativer, der auf grundlegende Begriffe geht und sie klärt und durchleuchtet. In Wahr­heit und Wissenschaft (GA-03, 1980), dem "Vorspiel" zu seiner Philoso­phie der Freiheit, erhebt Steiner am Ende von Kapitel III, (S. 48) das Denken über das Denken nachgerade zum methodischen Nonplusultra der Erkenntnistheorie: "Die Erkenntnistheorie kann aber nur eine kriti­sche Wissenschaft sein. Ihr Objekt ist ja ein eminent subjektives Tun des Menschen: das Erkennen, und was sie darlegen will, ist die Gesetzmäßig­keit des Erkennens. Von dieser Wissenschaft muß also alle Naivität aus­geschlossen sein. Sie muß gerade darinnen ihre Stärke sehen, daß sie das­jenige vollzieht, von dem sich viele aufs Praktische gerichtete Geister rühmen, es nie getan zu haben, nämlich das «Denken über das Denken»." Was den Charakter dieses Denkens über das Denken angeht, so mag viel­leicht als gewisse Orientierungshilfe dienen, was Steiner über das metho­dische Verfahren bei der Suche nach dem voraussetzungslosen Aus­gangspunkt der Erkenntnistheorie in derselben Schrift am Ende von Ka­pitel II ausführt, wonach diese in einer "rein didaktischen Verständigung über den Anfang einer Wissenschaft" bestehe, die in "rein selbstverständ­lichen analytischen Sätzen" zu verlaufen habe. Und um die Klärung von Grundsatzpositionen geht es, wenn auch in sehr anderer Art, vielfach im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit. Deswegen läßt sich hier, im engeren erkentnistheoretischen Umfeld bei der Klärung von Grundsatz­fragen und -positionen, auch am ehesten von einem Denken über das Denken sprechen. Aber aus diesem analytisch-explikativen Denken der Erkenntnistheorie wird in dem Maße ein anschauendes Denken, wie es sich dem erlebten Denken zuwendet. Was sich schon in Wahrheit und Wissenschaft anbahnt, besonders aber im dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit abzeichnet, wenn Steiner dort, und zwar in durchaus synony­mer Weise, nicht nur von einem Denken über das Denken, sondern auch einer Beobachtung oder Betrachtung des Denkens spricht. Und was man betrachtet - so viel ist schon dem allgemeinen Sprachgebrauch zu entneh­men - das schaut man auch an. Ob und wie weit Steiner selbst erst im Laufe der Jahre nach Erstausgabe der Philosophie der Freiheit zu einer genaueren, erkenntnispsychologischen Klärung des Verhältnisses Den­ken über das Denken und Anschauung des Denkens kam, wäre eine inter­essante Frage, kann hier aber nicht weiter thematisiert werden.

Dem normalen, bloß kombinierenden, Denken der Wissenschaft liegt ein naiver Gebrauch des Denkens zugrunde. Und zwar im doppelten Sinne naiv: Den Wissenschaftler interessiert ja nicht das Denken, sondern das Thema, worauf es sich richtet. Und in aller Regel ist er auch von erkennt­niskritischen Fragen relativ unberührt. So daß er weder über das Denken, noch über erkenntniskritische Problemstellungen allzu viel weiß. In einer vergleichbaren, wenn auch erkenntniskritisch aufgeklärteren Lage, sind im Grundsatz auch Erkenntnistheoretiker, die - obgleich in erkenntnistheo­retischen Kontexten - ebenfalls einen ganz naiven Ge­brauch vom Denken pflegen, und letztlich nur dieses kombinierende Denken - diesmal auf alle möglichen erkenntniskritischen Grundlagenfra­gen von Wissenschaft und Erkenntnis - anwenden. Selbst dann, wenn sie dabei über das Denken denken. Sie kommen hinsichtlich des Denkens über diese naive Verwendungsstufe wenig oder gar nicht hinaus und las­sen sich vorrangig von der logischen Struktur gewisser Problemstellun­gen leiten. Sie treiben zwar Erkenntniskritik, aber das Mittel, mit dem sie sie betreiben, verwenden sie selbst wiederum auf eine naive Weise derge­stalt, daß sie es kaum wirklich kennen. Es ist gewissermaßen eine Naivi­tät zweiten Grades. In bezug auf das Denken liefert also die Erkenntnis­theorie - wenn sie denn überhaupt bis dahin gelangt - im wesentlichen Vorüberlegungen aber noch kaum Erkenntnis des Denkens im engeren und eigentlichen Sinne. Man könnte - von Steiner vielleicht einmal abge­sehen - wahrscheinlich jede beliebige Erkenntnistheorie auf diese Sachla­ge hin durchsehen. Nicht so sehr im umfassenderen erkenntniswissen­schaftlichen Zusamenhang, aber am Beispiel einer isolierten Fragestel­lung läßt sich das exemplarisch studieren bei Popper wenn er im Buch Das Ich und sein Gehirn, München 1982 dem Materialismus (S. 105 ff) zwar ein sehr schlagkräftiges Selbstwiderlegungsargument entgegenhält, aber über das Denken selbst - verkürzend gesagt - zu kaum einer brauch­baren Aussage kommt. (Ähnlich in Karl R. Popper, Objektive Erkennt­nis, Hamburg 1984, S. 232 ff) So spricht er von Argumenten und Grün­den. Er ist vorrangig am formalen Einwand und logischen Widersprü­chen orientiert, aber das faktische Denken interessiert ihn in diesem Zu­sammenhang fast nicht. Er würde es als Gegenstand des Erkennens frag­los an die Denkpsychologie delegieren. (Siehe hierzu auch Poppers Lo­gik der Forschung, 8. Aufl, Tübingen 1984, Kapitel I., Grundprobleme der Erkenntnislogik, S. 3 ff) Aus dem Blickwinkel der Erkenntnistheorie sogar mit einem gewissen Recht. Denn am Ausgangspunkt einer Er­kenntnistheorie dürfen noch keine empirisch gehaltvollen Sachaussagen beigezogen werden, weil ja alles Empirische problematisch ist. Also im Prinzip auch das Denken. Die Wissenschaft - auch die des Denkens - fin­det in der Erkenntnistheorie ja erst ihre allgemeine Begründung, deswe­gen kann die Erkenntnistheorie selbst noch keine empirische Wissen­schaft des Denkens im engeren Sinne sein, sondern bestenfalls eine Vor­stufe dorthin. (Siehe hierzu etwa Rudolf Eisler, Einführung in die Er­kenntnistheorie 2. Aufl. Leipzig 1925, S. 1 ff) Das wirkt in ihrer zuge­spitzten Form manchmal wie eine etwas paradoxe Forderung der Er­kenntnistheorie; aber selbst Steiner hält sich wie eben gezeigt in Wahr­heit und Wissenschaft zumindest programmatisch daran, wenn er am Ende von Kapitel 2 sagt, daß die Erkenntnistheorie in einer "rein didakti­schen Verständigung über den Anfang einer Wissenschaft" bestehe, die in "rein selbstverständlichen analytischen Sätzen" zu verlaufen habe. In­teressant ist allerdings in diesem Zusammenhang auch, daß er in den Vorbemerkungen zu dieser Schrift (S. 25), die Forderung nach Vorausset­zungslosigkeit mit der hintersinnigen Bemerkung versieht: "... soweit das bei der Natur des menschlichen Erkenntnisvermögens möglich ist...".

Also könnte man sagen: Das Denken über das Denken findet in Form ei­nes weitgehend naiv getätigten, weil unbekannten, Denkens am ehesten auf dieser Ebene rein selbstverständlicher analytischer Sätze über den Anfang einer Wissenschaft statt. Und soweit dort das Denken themati­siert wird, handelt es sich vorzugsweise um Vorüberlegungen hinsicht­lich seiner Erkenntnis. Rigide trennen zwischen einem Denken über das Denken und einer Anschauung des Denkens kann man streng genommen nicht. Denn immer muß ja eine gewisse Erfahrung des Denkens, und sei sie noch so dürftig, in das Denken über das Denken eingang finden, sonst ließe sich darüber höchstens in dem Sinne denken, wie ein Blinder über die farbige Welt denkt. Dann aber wird daraus etwas qualitativ anderes in dem Maße, wie das Denken sich selbst zum ausdrücklichen empirischen Erkenntnisgegenstand wird. Ich meine dies zeigt sich auch sehr deutlich in der Philosophie der Freiheit: Spannt man das dritte Kapitel der Philo­sophie der Freiheit zwischen den Marken Denken über das Denken und Anschauung des Denkens auf, so enthält es methodisch und sprachlich alle Kennzeichen einer Region des Übergangs vom einen zum andern. Es dürfte eine analoge Übergangsregion sein, wie sie sich anfangs im Be­wußtsein desjenigen findet, der sich auf den Weg der Philosophie der Freiheit begibt. Denn daß es von diesem geistigen Anschauen des Den­kens alle möglichen qualitativen Abstufungen und Reifegrade in Rich­tung Imagination gibt, die auch durch systematische Übungen in Rich­tung der oberhalb der Imagination liegenden Erkenntnisstufen weiter aus­gebaut werden können und müssen, halte ich für selbstverständlich. Was bei Steiner augenfällig fehlt - und darin liegt der Anlaß zahlreicher Ver­ständnisprobleme -, das ist eine systematische und eingehende denkpsy­chologische Aufarbeitung des Zwischenbereichs vor dem Eintritt in die eigentlichen höheren Erkenntnisstufen. Das heißt: der gesamte Bereich der gewöhnlichen Denkpsychologie. Steiner war dieser Mangel übrigens sehr bewußt. Denn eben aus diesem Anlaß äußert er in der Schrift Von Seelenrätseln (GA-21, Dornach 1976, S. 170 f) den Wunsch, in einem psychologischen Laboratorium arbeiten zu können, um zu zeigen, wie das menschliche Wesen zum Schauen veranlagt ist. Genauer spricht er da nicht nur von sich, sondern von einem jeden, der auf dem anthroposophi­schen Gesichtspunkt steht. So ein Wunsch scheint mir kaum verständlich und überflüssig, gesetzt den Fall, in der Philosophie der Freiheit und den anderen philosophischen Frühschriften wäre bereits alles enthalten, was diese Veranlagung zum Schauen hinreichend demonstrieren könnte. Sei­ne Anknüpfung an die Psychologie macht vielmehr deutlich, daß die Phi­losophie allein diese Aufgabe kaum bewältigen kann. Vielleicht wäre von diesem fehlenden Teil mehr als Rudimentäres vorhanden, wenn es Steiner, wie ursprünglich einmal beabsichtigt, gelungen wäre, eine philo­sophisch-akademische Laufbahn einzuschlagen. Die Dinge haben sich anders entwickelt, und so bleibt diese Aufgabe seinen Nachfolgern über­lassen.

Damit das alles nicht nur abstrakt im Raum steht vielleicht noch ein prag­matischer Hinweis dazu, wie sich der Leser den Übergang zur Anschau­ung des Denkens plastisch verdeutlichen kann: Es gab vor einiger Zeit im Spiegel einen sehr bemerkenswerten Artikel über einen operierten Blind­geborenen, der das Sehen neu zu lernen hatte. Wenn man sich diesen Ar­tikel vornimmt und sich die Frage vorlegt: Was muß der operierte Blinde tun, damit aus einer bloß visuellen Erfahrung eine visuelle Anschauung wird? dann erhält man eine gute Ausgangsbasis, indem man dieses Pro­cedere auf das Denken überträgt und sich fragt: Was muß der Denker tun, damit aus einer bloßen Erfahrung des Denkens eine Anschauung des Denkens wird? - Ich meine nach dem Studium des Artikels müßte der aufmerksame Leser im Prinzip in der Lage sein diese Frage für sich selbst zu beantworten. Vielleicht wird in absehbarer Zeit der Artikel zu diesem Thema auf meiner Homepage erscheinen, den ich mir schon vor einiger Zeit vorgenommen hatte. Bislang fehlten mir Gelegenheit und Kraft dies zu tun. Bis es soweit ist, steht Ihnen als Navigationshilfe der Fragenkatalog der Vorschau zur Verfügung, an dem Sie sich orientieren können. Wenn Sie die dort aufgelisteten Fragestellungen abarbeiten, dann müßten Sie eigentlich mit dem Verständnis ziemlich genau dort an­kommen, wo Sie hin wollen.

  • Siehe: Der sehende Blinde, in, Der Spiegel, Nr. 47, 18.11.2002 S. 190 ff. (Wieder abgedruckt unter dem Titel: Wie ein Blinder ver­suchte, das Sehen zu lernen, in: SPIEGEL special 4/2003, S. 140 ff)

  • Siehe zu diesem Thema auch meinen kritischen Briefwechsel mit Lutz Baar. Vor allem den Brief v. 02.12.02 )

Bei der Diskussion Peter Schneiders habe ich schon die These vertreten, daß Steiners Ausdruck der "unmittelbaren Anschauung" des Denkens nicht im zeitlichen Sinne zu verstehen ist, sondern im methodischen. Vor allem auch Steiners Hinweis: "Ein richtiges Verständnis dieser Beobach­tung kommt zu der Einsicht, daß das Denken als eine in sich beschlosse­ne Wesenheit unmittelbar angeschaut werden kann. Wer nötig findet, zur Erklärung des Denkens als solchem etwas anderes herbeizuziehen, wie etwa physische Gehirnvorgänge, oder hinter dem beobachteten bewußten Denken liegende unbewußte geistige Vorgänge, der verkennt, was ihm die unbefangene Beobachtung des Denkens gibt." (GA-4, S. 145), stützt diesen Gesichtspunkt. Die "Beobachtung" oder "Betrachtung" des Den­kens und seine "unmittelbare Anschauung" stehen offensichtlich für den­selben Sachverhalt. So, wie das Denken nur durch das Denken "unmittel­bar" beobachtet oder betrachtet werden kann, und nicht durch ein zwi­schengeschaltetes, nur mittelbares methodisches Verfahren hirnphysiolo­gischer oder neurobiologischer Art, so kann es auch nur durch das Den­ken "unmittelbar" angeschaut werden mit Hilfe beschreibender Begriffe, die sich ihm durch seine unmittelbare Betrachtung ergeben. So gesehen ist die Anschauung des Denkens etwa durch hirnphysiologische Begriffe lediglich eine mittelbare.

Dieses unmittelbare "Anschauen" des Denkens mittels deskriptiver Be­griffe ist auch nicht gleichzusetzen mit der "intellektuellen Anschauung" reiner Begriffe und Ideen". Wir haben auch diesen Punkt bereits oben bei der Diskussion der Schneiderschen Schrift erwähnt. Der Begriff der "in­tellektuellen Anschauung" steht bei Steiner im engeren Kontext einer philosophischen Kritik des Sensualismus, und ist Teil seiner Strategie, die Grundstruktur des Erkennens in wahrnehmliche und begriffliche An­teile freizulegen. Er kennzeichnet lediglich des Gegebensein gewisser ge­danklicher Entitäten und heißt soviel wie: mit der Denkform ist zugleich der Inhalt des Denkens gegeben. Steiner bezieht sich dabei in "Wahrheit und Wissenschaft" (S. 60) auf das Gegebensein von reinen Begriffen und Ideen, und zwar in dezidierter Abgrenzung zur philosophischen Ansicht, das Denken könne aus sich selbst heraus zu keinen Inhalten kommen. Er richtet sich hier gegen einen von Kant und seinen zeitgenössischen Ver­tretern unterstellten Sensualismus, dem er mit seinem Hinweis auf die in­tellektuelle Anschauung begegnet. Es geht also dabei um die Frage: Wo­her kommen die reinen Begriffe und Ideen? Und dazu sagt Steiner: Es sind reine, und nicht sensorisch fundierte, Schöpfungen des Denkens. Steiner stellt hier zwar ein Beobachtungsresultat dar, insofern seine Ein­schätzung des Charakters von reinen Begriffen und Ideen auf der Beob­achtung des Denkens basiert, aber er thematisiert nicht die Methode der Denk-Beobachtung. Es geht nicht um die methodische Frage: Wie beob­achten beziehungsweise erkennen wir das Denken? Oder : Wie ist uns das Denken in der Beobachtung gegeben?

An dieser Stelle sei eine erläuternde Bemerkung eingeflochten zu meiner Darstellung des Erinnerungsproblems, wie ich es im Jahrbuch 97 skiz­ziert habe.108 Ich schrieb dort unter anderem (S. 226): "Alles was von Denkakten erinnerbar ist, muß einen Weg über das Denken genommen haben, da es ein weiteres Erkenntnisprinzip nicht gibt. Damit bleibt mir auch der Weg verschlossen, auf irgend einem anderen Wege von meiner Denktätigkeit unmittelbar Kenntnis zu erhalten als auf dem Wege des Denkens selbst. Ich muß also, während ich denke, mein Denken zugleich begrifflich, das heißt denkend, begleiten und diese Begleiterfahrung in eine erinnerbare Form bringen, anders bekäme ich lediglich Nachricht von den Denkinhalten, aber nicht von dem Tun selbst. Damit ist eine ab­solut "denkfreie" Erfahrung des Denkens keineswegs ausgeschlossen, vielleicht ist sie sogar die Regel, aber die Kompromißlosigkeit, mit der Rudolf Steiner den "Ausnahmezustand" skizziert, scheint mir etwas über­zeichnet." Was die genannte Denkfreiheit der Denk-Erfahrung betrifft, so bin ich mir inzwischen in dieser Hinsicht wesentlich sicherer als sei­nerzeit, weil eine Klärung des Steinerschen Begriffes von Denk-Beob­achtung damals noch nicht stattgefunden hatte. Indessen führt eine solche Klärung auf eben denselben Gesichtspunkt der Denkfreiheit der "reinen Erfahrung" des Denkens.

Was das Wissen um das "Tun" des Denkens und die "Kenntnis um die Denktätigkeit" angeht, so war damit ein beschreibendes Wissen oder Be­obachtungswissen von diesem Tun des Denkens gemeint. Weil mir aber der Steinersche Beobachtungsbegriff seinerzeit nicht deutlich war, konn­te ich auch den Unterschied nicht klar erkennen zwischen dem unmittel­baren Wissen um das Denkgeschehen und seine inhaltlichen Bezüge und dem Beschreibungs- oder Beobachtungswissen - das ist das Wissen um einen Denkbegriff, das sich erst aus einer denkenden Betrachtung der Denk-Erfahrung ergibt. Diese Differenzierung hat sich erst aus der Ana­lyse des Beobachtungsbegriffes ergeben. Wir werden das weiter unten noch näher untersuchen. Von daher stand ich vor dem Rätsel, wie Stei­ner, wenn er die aktuelle Beobachtung des Denkens ausschließt, über­haupt zu einem Begriff des Denkens kommen könne.

Lorenzo Ravagli spricht (Jb 97, S. 88) von einer "Selbsterinnerung der eigenen Denktätigkeit" und ich meine, darin wäre ihm zuzustimmen, so­weit unter dieser Erinnerung nicht das Bewußtsein der aktuellen Denktä­tigkeit zu verstehen ist, sondern jener Inhalt, auf den sich das beobach­tende Denken richtet. Diese Erinnerungen sind insofern mit einer Er­kenntnis verbunden, als ich weiß, es sind meine Erinnerungen und ich weiß auch ihren Inhalt anzugeben. Was aber mit dieser Erinnerung nicht gegeben ist, das ist ein Begriff des Denkens. Dieser läßt sich erst erwer­ben durch betrachtendes Denken über diese oder anhand dieser Erinne­rungen oder "Erfahrungen des Denken", wie Steiner es nennt. Das, so glaube ich, ist aus dem bisher Dargelegten deutlich geworden und wird nachfolgend vielleicht noch etwas prägnanter werden. Man muß übrigens dieses Erinnern und Beobachten sich nicht zu statisch vorstellen, denn in der Realität laufen die Prozesse sehr dicht beieinander, das wird jeder an­hand seiner eigenen Erfahrungen bestätigen. Das eine geht fließend in das andere über, so daß die zeitlichen Zäsuren zwischen Denken, Erinne­rung und Beobachtung kaum auffallen und das "Danach" leicht überse­hen wird. Eine labormäßige Beobachtung, wie sie etwa von Bühler vor­genommen wurde, ist ja eine hochkünstliche wissenschaftlich-experi­mentelle Ausnahmeveranstaltung, die wir im täglichen Leben in der Re­gel so nicht gegeben finden.

Ende Kapitel 9.1


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